Buchreview: Vertreibung aus dem Paradies

Hans-Lothar Merten ist gelernter Bankkaufmann und studierter Betriebswirt. Er arbeitet als freier Publizist mit den Schwerpunkten Finanzen und Steuern seit mehr als 20 Jahren.

 

Im Finanzbuchverlag ist jetzt sein Buch "Vertreibung aus dem Paradies" erschienen, das sich mit der Geschichte und aktuellen Situation der Steueroasen auseinandersetzt.

 

Der Autor beschäftigt sich seit langem mit Themen wie Steuerflucht und Steueroasen. Während er früher Ratgeber schrieb, wie das Geschäft funktioniert, sind seine letzten Publikationen kritischer und nachdenk-licher geworden. Sind Steueroasen also ein Auslauf-modell? Ändert sich gerade alles zum Guten? Was kann man aus der Geschichte lernen?

 


EXKURS: ZUM AUTOR

 

Da man im Buch selbst wenig über den Autor erfährt, habe ich zunächst im Internet recherchiert. Die Ausbeute insgesamt ist mager, relativ schnell stößt man aber auf eine beeindruckend lange Liste von Veröffentlichungen:

  • Vermögen richtig schützen. Finanzbuchverlag, 2016
  • Kunst und Luxus als Kapitalanlage. Walhalla, 2015
  • Steueroasen Ausgabe 2015. Walhalla-Fachverl., 2014
  • Steuerflucht. Linde International, 2012
  • Vermögen international anlegen. Walhalla-Fachverl., 2011
  • Kapitalanlage 2010 in Steueroasen, Walhalla, 2010
  • In Luxus investieren. Gabler, 2009
  • Wer hat unser Geld verbrannt? Walhalla-Fachverl., 2008
  • Wohnimmobilien in Steueroasen. Walhalla-Fachverl., 2007
  • Standortverlagerung. Gabler, 2004
  • Mehr Geld im Ruhestand. Heyne, 2002
  • Richtig sparen: Vermögen schaffen. Walhalla-Fachverl., 2002
  • Steueroasen für jedermann. Goldmann, 2002
  • Finanznachrichten gezielt nutzen. Walhalla-Fachverl., 2001

Wow, so viele Bücher mit verschiedenen Verlagen, scheinbar trifft der Autor den Nerv des deutschen Anlegers: Steuern vermeiden! Immer wenn ein Skandal oder eine Enthüllung in den Medien zirkuliert, ist er auch gern gesehener Interviewpartner:

Offensichtlich ist nicht nur (Fach-)Wissen vorhanden, sondern auch das Vermögen, die interessantesten Fakten und pointierte Meinungen an den Mann und die Frau bzw. in die Medien zu bringen - ohne ein offensichtliches Foul zu begehen. Denn nur so läßt sich erklären, dass der Autor über so lange Zeit erfolgreich publizieren konnte und als Gesprächspartner gesucht ist.

 

Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, wo der gelernte Bankkaufmann und studierte Betriebswirt im ersten Teil seines Berufslebens Wissen und Erfahrungen sammeln konnte, bevor er dann als freier Publizist arbeitete. Diskretion also auch hier, ganz so wie bei den Akteuren und Unternehmen im "schwarzen Loch der Weltwirtschaft". Das wäre schon ziemlich interessant gewesen.

 


ZUM INHALT - ein ÜbERBLICK

 

Das Buch untergliedert sich in 6 Teile und umfaßt insgesamt ca. 270 Seiten. Der Schwerpunkt liegt mit fast 100 Seiten in Kapitel IV, wo die Steueroasen von A bis Z beschrieben werden. Dieser Teil liest sich stellenweise leider so spannend wie ein Telefonbuch. Viele Tabellen, Statistiken, Zahlen und Übersichten zur Ausgestaltung der jeweiligen Landesgesetze und den steuerlichen Besonderheiten, zum Vergleich mit anderen Finanzzentren oder Abhandlungen, wann die Finanz-Industrie die jeweilige Oase entdeckte und warum sie erfolgreich war oder sich verändern mußte. Diese Geschichtsstunde ist interessant für all jene, die wirklich informiert sein wollen, bevor sie am Stammtisch bei den nächsten Panama-Papers mitreden und -diskutieren. Außerdem würde es mich nicht wundern, wenn sowohl die früheren Ratgeber als auch dieses Buch eine Pflichtlektüre bei Finanzpolitikern, Steuerfahndern und Finanzbeamten sind.

 

Bevor wir aber zu ein paar interessanten Fakten und Thesen aus den anderen Kapiteln kommen, wie immer bei Covacoro.de ein Blick in das Inhaltsverzeichnis:

 

Prolog: Willkommen in einer Welt ohne Regeln

I. Verflixte Steuerwelt

Steuern ja – aber in Maßen

Steuerentzug – Steuerhinterziehung und Steuervermeidung

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg – Steuerflucht ist kein deutsches Phänomen

Jeder Staat besteuert anders – Wohnsitzland- und Welteinkommensprinzip

Welcher Staat darf besteuern? – Doppelbesteuerungsabkommen vernetzen die Steuerwelt

Niedrigsteuern – was die Standortwahl bestimmt

Steueroasen und Offshore-Finanzplätze – und wer davon profitiert

II. Das Jahrhundert der Steueroasen – eine Zeitreise ins schwarze Loch der Weltwirtschaft

Eine Zeitreise der besonderen Art – Von ersten zaghaften Steuervergünstigungen zu aggressiven Nullsteuern

III. Wie die Welt der Steueroasen funktioniert

Bitcoin – eine Steueroase für Jedermann?

Verschworene Steueroasen-Welt – ohne Netzwerk geht es nicht

Briefkastenfirmen – Firmen ohne Geschäftsbetrieb

Anonymität muss sein – Scheindirektoren und andere Verschleierungsinstrumente

Verkehrte Welt – wie das Geschäft über Steueroasen funktioniert

Die Macher der Steueroasen-Industrie – Banken, Juristen, Wirtschaftskanzleien, Regierungen und Provider

IV. Die Welt der Steueroasen

Der Mensch, ein Steuerflüchtling

Steueroase Panama

Steuerwelt Karibik – wo Steueroasen neben Nullsteuern auch das Paradies versprechen

Steueroase USA – Land der unbegrenzten Steuerersparnisse

City of London – Major Player im globalen Offshore-System

Irland – Steueroase für Unternehmen

Kampf ums Überleben – die Steueroasen auf dem europäischen Kontinent und im Mittelmeer

Wenig Licht im Dunkeln – Afrikas Steueroasen

Mit Nullsteuern in die Zukunft – Steueroasen-Zone Nahost

Kontinent im Aufbruch – Asiens Schwergewichte in der Offshore-Welt

Offshore Ozeanien – Faszination und Ernüchterung

Wann Steueroasen legitimiert werden

Warum Offshore-Instrumente bei der Vermögenssicherung zum Einsatz kommen

V. Die Folgen des internationalen Steuerwettbewerbs ..

Was Steuerflucht, Steuerhinterziehung, Steuervermeidung und Korruption kosten

VI. Schattenwirtschaft beseitigen

Nachwort: Kampf gegen Steuerflucht und Schattenwirtschaft

Quellen / Über den Autor

 

Für mich am interessantesten war Kapital 3, wo detailliert die Funktionsweise dargestellt wird, zum Beispiel von Stiftungen, Briefkastenfirmen, Scheindirektoren und auch die beteiligten Akteure vorgestellt werden (Banken, Notare, Anwaltskanzleien usw.). Hier habe ich definitiv dazugelernt.

 


DAS CHAMÄLEON LEBT WEITER

 

Bereits im ersten Kapitel, wenn der Autor die Begrifflichkeiten klärt - zum Beispiel was ist Steuervermeidung, -hinterziehung oder -betrug, muss sprachlich sehr genau formuliert werden. Die komplexen Steuergesetze und die unterschiedlichen nationalen und bilateralen Regelungen sind ohne Zweifel eine wesentliche Zutat, die das Phänomen Steuerflucht und Vermögens-transfer in Steueroasen erst ermöglichen.

 

Auf der anderen Seite geht es immer um den Versuch eines Steuerpflichtigen, seinen Profit zu maximieren und weniger Steuern zu zahlen. Diese starke, individuelle Antriebsfeder trifft auf die vorhandenen Gestaltungsmöglichkeiten und manche entwickeln eine hohe Energie, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Im Buch geht es nicht darum, ab wann dies moralisch nicht mehr in Ordnung ist und ab wann dies illegal wird, sondern der Autor zeigt viel mehr auf, wessen Interessen beteiligt sind und wer die Profiteure sind. Während die Jäger mit massiven Kontroll-Maßnahmen und internationalen Informationsaustausch den Steueroasen an den Kragen wollen, versuchen die Akteure stets einen Schritt voraus zu sein.

 

"Steueroasen sind ein Geschäftsmodell und eine Waffe in den Händen der Finanzindustrie" schreibt der Autor und weist darauf hin, dass sie sich seit ihrer Entstehung ständig im Wandel und in der Anpassung befanden. Wie ein Chamäleon haben sie wenn nötig die Verpackung und Rechtsformen geändert. Darauf zu hoffen, mit etwas mehr internationaler Zusammenarbeit den Sumpf der Briefkastenfirmen trockenzulegen, ist blauäugig.

 

Stattdessen zeigen der BREXIT und das Wahlprogramm Donald Trumps in die entgegen-gesetzte Richtung. Nicht mehr Transparenz steht ganz oben auf der Agenda, sondern weniger und mehr nationale Eigeninteressen. Großbritannien hat bereits massive Steuererleichterungen für britische Unternehmen angekündigt. Die USA streben eine Umstellung der Besteuerung mit einer sogenannten Border Tax an, der internationale Wettbewerb um Niedrigsteuern scheint eröffnet zu sein!

 

Dabei sind sowohl die USA (mit Delaware und Miami) als auch Großbritannien (mit der City of London und den Kanalinseln) bereits heute wichtige Steueroasen. Aber auch die Europäer sollten nicht mit Fingern auf die Karibik oder Panama zeigen, solange kreative Oasen wie Luxemburg, Irland, Niederlande und die Schweiz vorhanden sind. Das Buch geht auf die Lux Leaks ein, die in 2004 die vorteilhaften Praktiken der vertraulichen Steuervereinbarungen enthüllt haben. Großkonzerne wie Apple, Amazon, Deutsche Bank und viele andere konnten damit ihre Steuern auf unter 1 Prozent drücken. Und obwohl die EU über 1000 solcher Tax Rulings seit 2015 prüft, ist bis auf den Fall Apple und Irland wenig darüber bekannt geworden, ob und wie das Problem gelöst wird. Das Buch stellt auch dar, wie das Steuersparmodell "Double Irish with a Dutch Sandwich" funktioniert und warum es ohne Offshore-Gesellschaften und bilaterale Doppelbesteuerungsabkommen nicht funktionieren könnte. Zwar soll es eingegrenzt und abgeschafft werden, aber bis zum Ende der Übergangsfrist in 2020 ist es noch ein weiter Weg.

 

Basierend auf Zahlen der Schweizer Nationalbank und des Tax Justice Networks werden auch ein paar Schätzungen zum,Volumen der verborgenen Gelder angegeben. Insgesamt betrug das weltweite Finanzvermögen danach rund 73 Billionen Euro Ende 2013. Davon liegen in Steueroasen "offshore" mittels Stiftungen und Briefkastenfirmen rund 5.8 Billionen Euro (8 Prozent). In der Schweiz befanden sich hiervon wiederum 1.8 Billionen Euro (30 Prozent aller Offshore-Gelder) und sie stand damit auf Platz 1 unter den Top 15 im Schattenfinanzindex des Tax Justice Networks. Das Bankgeheimnis ermöglichte es, dass von den 5.8 Billionen Euro ungefähr 80% ohne Folgen nicht steuerlich deklariert wurden und damit jährlich 130 Milliarden Euro Steuereinnahmen entfielen. Dass die Schweiz mittlerweile auf internationalen Druck hin ihr Bankgeheimnis aufgeben mußte, dürfte bekannt sein. Vor allem die USA setzten dazu die Schweizer Banken massiv unter Druck, Transparenz zu zeigen. Diese gilt aber bisher nur in eine Richtung ... 

 


FAZIT

 

Der Steuerwettbewerb unter den Staaten um die niedrigsten Steuersätze und die vielfach eingeschränkte Transparenz sind die Keime für das Phänomen Steueroase. Unternehmen und einzelne Personen versuchen gezielt, die Möglichkeiten auszureizen und auszunutzen.

 

Der Autor legt die Mechanismen und Funktionsweisen des Systems in seinem Buch offen und tritt für die Beseitigung dieser Schattenwirtschaft ein. Die Vertreibung aus dem Paradies hat bisher nur fallweise und nur halbherzig stattgefunden.

 

In der intransparenten Offshore-Welt tummeln sich weiter Großkonzerne genauso wie Super- und nicht ganz so Reiche, aber auch Drogenhändler und Waffendealer. Nur wenn es nicht mehr möglich wäre, die tatsächlichen Eigentümer der Briefkastenfirmen zu verschleiern, wäre ein Ende des lukrativen Geschäftsmodells Steueroase am Horizont in Sicht.

 

Ebenso müssten sämtliche Steuerdeals offengelegt und ein Wettbewerb der Staaten um den niedrigsten Steuersatz unterbunden werden. Weder G20 noch OECD scheinen aber in der Lage, diese Punkte anzugehen und durchzusetzen. Um das aggressive Treiben internationaler Konzerne einzudämmen, erscheint eine Art Quellensteuer am Ort des Verkaufs oder der Wertschöpfung global nötig. Diese ist mit BREXIT und der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA unwahrscheinlicher als je zuvor.

 

Solange all diese Vorschläge nicht ernsthaft diskutiert werden, können die Gewinne in den Steueroasen weiter sprudeln und die effektiven Steuersätze tendenziell weiter sinken. Gute Aussichten im "Paradies"!

 

(c) Covacoro, 2017


Früher erschienene Buch-Rezensionen auf Covacoro.de finden Sie auf meiner Webseite hier.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Robert Michel (Samstag, 08 April 2017 19:44)

    Steueroasen erfüllen einen wichtigen Zweck. Wenn es keinen Steuerwettbewerb gäbe, würden die Staaten, die Steuern auf Kapitaleinkommen soweit anheben, dass keine Kapitalakkumulation mehr möglich wäre. Da direkt nur eine Minderheit davon betroffen wäre, ist hier der politische Wiederstand für höhere Steuern am geringsten. Langfristig würden wir jedoch unseren Wohlstand verspielen, weil kein neues Kapital mehr gebildet wird und der bestehende Kapitalstock verzehrt werden würde.

  • #2

    Covacoro (Sonntag, 09 April 2017 14:29)

    Danke Robert für Deinen Kommentar!

  • #3

    Malte (Sonntag, 09 April 2017 17:21)

    Hallo Covacoro,

    ich bin verwundert, dass du dich noch nicht zur Situation bei Aurelius geäußert hast. Wäre das nicht aktuell wesentlich interessanter als Steueroasen? Schließlich bist du / dein Wikifolio hier auch investiert...
    Hochachtungsvolle Grüße
    Malte

  • #4

    Covacoro (Dienstag, 11 April 2017 18:04)

    Der Artikel ist nur etwas später fertig geworden, zumal ja Gotham/Aurelius Anfang dieser Woche den 2.Report und die Stellungnahme dazu veröffentlicht haben.