Gastartikel: Warum ETF´s (von der Finanzindustrie) so geliebt werden

Quelle: Pixabay, Geralt

Heute veröffentliche ich erneut einen Gastartikel von Beate Grützner, die als Finanz-Coach, Seminarleiterin und freiberufliche Autorin in Dresden tätig ist.

 

Wer mehr über ihre Vita und Angebote erfahren will, sollte www.beategruetzner-finanzen.de einen Besuch abstatten.

 

Als Diplomökonomin und jahrelang in der Bankbranche tätige Fachfrau wirft Sie einen kritischen Blick auf das Phänomen ETF. Ihre Meinung ist akzentuiert, detailliert und bedenkenswert. Fragen zu diesem Artikel werden gern beantwortet: Hier in den Kommentaren oder auch direkt über das Kontaktformular auf Ihrer Webseite. Und los geht's!

 


Alle sprechen über ETF´s. Niemand anderes als die Finanzindustrie selbst sorgt für den Aufschwung der börsengehandelten Indexfonds. Die ETF-Anlage ist bei Verbrauchern sehr beliebt, weil sie von Medien, Anbietern, Experten und Finanzdienstleistern in höchsten Tönen gelobt und angepriesen wird, sogar Verbraucherschützer schließen sich dem an. Allein diese Tatsache muss stutzig machen, denn eine Geldanlage, die für Privatanleger nur Vorteile hat, gibt es natürlich nicht. Unpopulär sind börsengehandelte Indexfonds lediglich bei Bankberatern. Das hängt jedoch damit zusammen, dass diese ohne die Vertriebsprovisionen aus dem Ausgabeaufschlag von aktiven Fonds ihre Vorgaben zum Wertpapierertrag nicht erfüllen können.

 

Dass die ETF´s so beworben werden, liegt in ihrer Konstruktion begründet. ETF´s lohnen sich: für Banken, Fondsgesellschaften, Versicherungen, Hedgefonds, Börsenhändler …. In Europa hat man sich lange schwer getan mit dieser Erkenntnis, aber die amerikanischen Anbieter haben es vorgemacht, wie es gehen könnte. ETF´s sind quasi ein Perpetuum Mobile zum Geld verdienen, erst recht, wenn die Kurse nach oben wollen und ETF´s noch wie derzeit ein Nischensegment unter den Kapitalanlagen bilden.

 

Ertragsquellen der Finanzbranche aus ETF´s sind:

  • Leihgebühren
  • Swap-Gebühren
  • Arbitrage-Erlöse beim Handel mit Fondsanteilen
  • Spread beim An- und Verkauf der ETF´s
  • Handelsprovisionen/ Ordergebühren/ Depotgebühren
  • Verwaltungsgebühren, Erfolgsgebühren der Fonds
  • Kursgewinne, Währungsgewinne, Dividenden aus synthetischen ETF und Sicherungskörben

Die Aufzählung der zusätzlichen Ertragsquellen ist keineswegs vollständig. Es lässt sich für Finanzanbieter trotz oder gerade wegen geringer Verwaltungskosten viel Geld mit ETF´s verdienen: allein aus der Tatsache heraus, dass man sie aus anderen abgeleiteten Finanzkonstrukten (Indizes) zusammensetzen und beliebig oft handeln kann. ETF´s sind eine prozyklische Anlagekonstruktion. Betrachtet man die Milliardensummen der Fonds, kommen horrende Beträge an Handelsgewinnen und -gebühren zusammen.

 


Ein Beispiel für Erlöse sind die Leihgebühren, Wertpapierleihe dürfen sowohl synthetische als auch physisch replizierende Fonds betreiben. Verleihgebühren sind lukrativ (je exotischer der Wert, desto höher die Gebühren) und kommen nicht nur dem Fonds zugute, sondern auch dem Fondsanbieter. Hieraus resultieren massive Interessenkonflikte, beispielsweise in Bezug auf die Erhöhung der Leihgebühren. Der Ausleihende, zum Beispiel ein Hedgefonds, spekuliert auf fallende Kurse bei diesen Papieren, was den Anlegerinteressen an steigenden Kursen diametral entgegenläuft. Leihgebühren lassen sich aber nur bis zu einem gewissen Punkt ausdehnen. Mehr als 100 Prozent der Wertpapiere kann man nicht verleihen, es sei denn, die Anbieter nutzen andere Instrumente, um an der Gebührenschraube zu drehen. Da wären beispielsweise Hebeleffekte, damit man mehr als 100 Prozent verleihen kann. Es dürfte auch Laien einleuchten, dass sich damit das Risiko, die Papiere nicht zurückzuerhalten, potenziert.

 

Darüber hinaus gibt es noch unvorstellbar viele Finanzkonstrukte und Operationen, die die Finanzbranche nutzen kann, um die Gebühreneinnahmen der Kapitalverwaltungs-gesellschaften und ihrer Eigentümer, meist sind es die Mutterbanken, zu erhöhen. Diese nennen sich Derivate, CDS, Index-Trading, Steueroptimierung, Zins- und Dividenden-gestaltungen usw. Der Phantasie der Produktentwickler der Finanzindustrie sind keine Grenzen gesetzt. Es kommen zudem immer neue ETF-Konstruktionen auf den Markt: Dach-ETF´s, Short-ETF´s, ETF´s mit aktiven Anlagestrategien, Smart-Beta-ETF´s ….

 

Wenn ETF´s gekauft werden, treibt das die Nachfrage nach Wertpapieren. Banken können sich am Markt gegen eventuelle Fehlspekulationen absichern, Anleger im Normalfall nicht. Ganz nebenbei können die Beteiligten mit Absicherungen am Terminmarkt beispielsweise weitere Umsätze, einschließlich Gebühren, generieren.

Die großen Banken und ihre Fondstöchter sind bei ETF´s alles gleichzeitig: Anbieter, Vertriebsstelle, Swap-Kontrahent, Index-Sponsor, Verwaltungsgesellschaft, Verleiher, Leihpartner, Kreditgeber, institutioneller Anleger, Depotbank und Market Maker für andere Anbieter usw., was zu massiven Interessenkonflikten führt.

 

Darüber hinaus steckt die eigene Aktie der Bank oder des Vermögensverwalters auch in Hunderten von ETF´s drin. Ist die Nachfrage nach börsengehandelten Indexfonds groß, wird ebenso Nachfrage nach den eigenen Aktien geschaffen. Außerdem können Banken selbst Beteiligungen an ETF´s halten, die einen erheblichen Anteil der Gesamtanlage des ETF darstellen, so dass es bei einer Veräußerung dieser Fondsanteile nicht nur den Kurs des ETF, sondern auch den Aktienkurs des Unternehmens erheblich in Mitleidenschaft ziehen könnte. Berücksichtigt man, dass wenige Banken, Versicherungen, Vermögensverwalter, Pensionsfonds und sonstige Akteure des Finanzmarkts untereinander Anteile an den jeweils anderen Instituten besitzen, mag man über die Konsequenzen eines „Finanzunfalls“ gar nicht nachdenken.

 

Die einseitige Ausrichtung der Transaktionen, die komplexen Strategien und die enge finanzielle Verflechtung der Finanzmarktakteure können die Stabilität des gesamten Finanzsystems beeinträchtigen, gerade, wenn es sich beim ETF-Anbieter um eine wenig regulierte Schattenbank handelt. Stellt man noch in Rechnung, dass diese Transaktionen ja keinesfalls per Hand gebucht werden, sondern in Millitausendstel Sekunden von Hochleistungscomputern automatisch mithilfe von Programmen und Algorithmen, dann kann einem schon schwindelig werden. Und das umso mehr, wenn Pannen, Handelsunterbrechungen und Handelsbeschränkungen ins Spiel kommen.

 

Ein paar Mal hat es diese „Crahs“ ja schon gegeben. Sind jedoch Aktien zeitweise nicht handelbar, kann eine große Diskrepanz zwischen den ETF- und Aktienmarktkursen entstehen, die für Anleger hohe Verluste bringt. Im Krisenfall müssen zuerst die Sicherheiten verwertet werden, um flächendeckende Pleiten zu vermeiden. Sind in den Sicherungskörben toxische Wertpapiere, schwer verkäufliche Bestände oder wenig erfolgversprechende Papiere enthalten, wird es dramatisch. Diese Papiere sind aus den Eigenhandelsbeständen und den Bankbilanzen verschwunden, ihr Risiko wurde auf die Fondskunden abgewälzt. Falls die Wertpapiere verkauft werden müssen, können sie unter Umständen, auch aus zeitlichen Gründen, nichts mehr, weniger wert oder unverkäuflich sein.

 


ETF´s sind sehr praktisch für die Finanzwirtschaft. Der Gewinn des ETF-Anlegers wird gedeckelt beim Index-Plus, von den über dem Index liegenden Gewinnen und dem Erfolg der riskanten Spekulation bei synthetischen Indexfonds hat nur die Bank etwas. Der Kunde jedoch muss allein entscheiden, ob er Gewinne oder Verluste aus der Indexentwicklung realisiert.

 

ETF´s haben einen ebenso schönen Nebeneffekt für Banken und Kapitalverwaltungs-gesellschaften: sie sparen durch das fehlende Fondsmanagement Personalkosten und brauchen keine bewussten Investmententscheidungen zu treffen, keine Verantwortung für etwaige Fehlinvestitionen übernehmen. Finanzinstitute müssen sich nicht rechtfertigen, warum die Performance unter der Benchmark geblieben ist und ersparen sich dadurch viel Aufwand für Reporting und Analyse. Aus Sicht der Finanzindustrie sind ETF´s also eine wunderbare Sache, denn auch Börsen und Händler verdienen an jeder Transaktion mit. ETF´s müssen zudem nicht extra vertrieben werden, solange sie im Gespräch bleiben. Institutionelle und private Vermögensverwalter sowie FinTechs und Robo Adviser nutzen sie automatisch zur Portfoliozusammensetzung.

 

Den Banken sind aufgrund der niedrigen Zinsen die Ertragsquellen abhanden gekommen? Die Bilanzen sprechen eine andere Sprache. Ab einem bestimmten Zeitpunkt könnten ETF´s aufgrund der hohen Verschuldung der globalen Marktteilnehmer zu einer Gefahr, nicht zuletzt wieder für Kleinanleger und Steuerzahler werden. Und dieser Zeitpunkt ist erreicht, wenn die Kurse durch ein (wahrscheinlich) banales Ereignis auf breiter Front ins Rutschen kommen. Wie soll ein Kleinanleger, der nicht einmal die Funktionsweise der börsengehandelten Indexfonds verstanden hat, dann dagegenhalten?

 

Bleiben Sie also beim langweiligen langfristigen Anlegen und Streuen über Anlageklassen, Anbieter, Währungen und vor allem Finanzproduktarten und -gattungen. Das ist auf Dauer erfolgversprechender und schützt Sie besser vor der nächsten Finanzkrise. Ich möchte mit diesem Artikel börsengehandelte Indexfonds keineswegs generell verteufeln, nur das Bewusstsein für ihre Risiken schärfen. ETF´s haben viele Vorteile und können, wenn sie durch aufgeklärte, informierte und psychisch stabile Anleger richtig gehandhabt werden, durchaus Nutzen bringen.

 

(c) 2017, Beate Grützner

 

Dipl.-Ök. Beate Grützner arbeitet in Dresden als Finanz-Coach, Seminarleiterin und freiberufliche Autorin

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Akim (Sonntag, 28 Mai 2017 10:39)

    Danke für die konträre und kritische Meinung!! Es ist immer hilfreich Meinungen zu kennen, die sich kritisch mit den eigenen Investments auseinandersetzen.
    Ich mache es mir jetzt einfach und komme direkt auf den Punkt.
    Ja, jede einzelne Anmerkung trifft zu, deswegen brauche ich jetzt nicht auf jeden Punkte einzeln eingehen.

    Nur eine Frage sei erlaubt, gibt es bessere Alternativen/Beimischungen für den Aktienanteil eines Privatanlegers?
    Ich vermute, dass jegliche andere Fondsanlagen (aktive Fonds, klassische Indexfonds mit
    Ausgabe/Rücknahme zum NAV durch Fondsgesellschaft) die gleichen Nachteile mitbringen oder höhere Gebühren ausweisen (aktive Fonds).

    Was bleibt dann noch übrig? Direktanlage in Aktien? Nach welchen Kriterien (MarkttechnikVodoo, Excel-BilanzkennzahlenSchamanismus oder Milchmädchenanalysen (gegessen wird immer also eine Nestle und Kraft Aktie bitte))
    Large Caps (überwiegend in ETFs enthalten, werden die beim Crash ETF Ausverkauf nicht überdurchschnittlich unter die Räder kommen?)
    oder doch Aktien, die kaum in ETFs zu finden sind.
    Hierzu eine Meldung aus der NZZ ("In den USA zeigt sich zudem eine Entwicklung, die Beobachter auf das passive Anlegen zurückführen. Die Zahl der kotierten Unternehmen hat sich seit der Jahrtausendwende fast halbiert, von über 6500 auf rund 3500, gleichzeitig expandierte das amerikanische BIP von 10 000 Mrd. $ auf 16 000 Mrd. $. Die grossen Firmen wurden wertvoller, viele kleine verschwanden oder kamen gar nicht an die Börse, weil sie in der «passiven» Investoren-Welt nicht wahrgenommen werden").

    Fragende Grüße
    Akim

  • #2

    Covacoro (Sonntag, 04 Juni 2017 14:37)

    Hallo Akim,
    bitte entschuldige meine verspätete Antwort, die natürlich subjektiv ist. Ich plädiere für die Direktanlage in Aktien und den Gedanken, dass man ebenfalls in Nicht-Indexaktien investieren sollte, teile ich. Denn der Herdeneffekt ist um so größer, je bekannter der Wert ist und je höher die Marktkapitalisierung ist, desto mehr Fonds sind investiert. Nebenwerte und regionale Werte bilden da eine andere Art der Diversifikation, die noch wichtig werden könnte.
    Siehe auch: https://www.covacoro.de/2017/05/17/diversifikation-3-0/