Contrarian- und Value-Strategie im Vergleich

Ein Anleger mit Value-Strategie versucht unterbewertete Aktien zu finden, ein Contrarian sucht gezielt Kaufchancen bei unbeliebten Aktien oder in Situationen großer Unsicherheit. Zwei Gegensätze oder zwei Seiten der Medaille "erfolgreich" investieren?


Im Webster Dictionary findet man die folgende Definition eines Contrarian: "a person who takes a contrary position or attitude; specifically an investor who buys shares of stock when most others are selling and sells when others are buying."

 

Übersetzt in etwa: eine Person, die eine gegensätzliche Position oder Einstellung vertritt, genauer: ein Investor, der Aktien kauft, wenn die meisten anderen verkaufen und verkauft, wenn andere kaufen. Diese Definition ist kurz und prägnant, unterschlägt aber einige Details, die mir in Büchern und Artikeln aufgefallen sind und die ich als wichtig erachte.

 

Merkmale eines Contrarian Investors:

  • ein Querdenker, der sich gegen die Meinung der Mehrheit und den Trend stellt
  • mutig, wenn andere ängstlich sind und vorsichtig, wenn andere mutig sind
  • kauft gefallene Engel und hofft auf eine Erholung oder setzt bei Überfliegern auf eine Korrektur
  • achtet auf Sentiment und Börsenpsychologie ("alle haben selten gleichzeitig recht") 
  • nutzt unter Umständen Chartanalyse und technische Indikatoren, um interessante Aktien und Übertreibungsphasen zu finden
  • ist eindeutig risikobereit (Griff ins fallende Messer) und schätzt sich selbst als nervenstark ein
  • hat beim Kauf bereits eine Vorstellung, wie lange er das Investment halten will, unter Umständen sehr kurzfristig oder sehr langfristig

Für Value Investing bzw. einen Value Investor gibt es unzählige Definitionen. So unterscheidet zum Beispiel das Buch "Strategic Value Investing" (Stephen M. Horan et al, McGraw Hill 2013) allein 5 Methoden, wie man den Wert eines Unternehmens bemessen und zum Kurs in Relation setzen kann und zählt 9 verschiedene Value-Investing Stile auf. Aber es gibt auch viele Gemeinsamkeiten, die trotz aller Vielfalt bestehen und einige Merkmale, die besonders überzeugte und ernsthafte Value-Investoren auszeichnen.

 

Merkmale eines Value Investors:

  • ist wertorientiert, bestimmt den fairen Preis einer Aktie anhand von fundamentalen Kennzahlen (wobei es verschiedene Ansätze und Methoden gibt)
  • will eine Aktie günstig erwerben - mit einem Sicherheitsabschlag (Margin of Safety) - und verkauft diese Aktie bei Erreichen des fairen Wertes konsequent
  • führt Vergleiche mit Werten aus der Branche, dem Ausland bzw. mit alternativen Ideen durch
  • ist geduldig und setzt nicht auf eine schnelle Kurssteigerung, sondern auf die langfristige Wertsteigerung im Unternehmen und durch Dividenden
  • ist eher vorsichtig und langfristig ausgerichtet

Fazit: Einige Merkmale sind in der Tat deutlich verschieden bis gegensätzlich, andererseits suchen sowohl Contrarian als auch Value Investor aus ihrer Sicht fehlbewertete Aktien.

 

Dazu müssen beide nach Recherche und Analyse zu einer eigenständigen Meinung zum Unternehmen, zu dessen Geschäftsmodell und zur zukünftigen Profitabilität gelangen. Der momentane oder historische Aktienkurs darf dabei keinen Anker für das Kursziel oder eine Kauf-/Verkaufsentscheidung darstellen.

Unterbewertung und aus der Mode sein gehen oft Hand in Hand. Daher könnte man beide Ansätze besser gleich als zwei Seiten der gleichen Medaille verstehen: Der Querdenker betont stärker die psychologische, der Value-Anleger die fundamentale Seite einer Investitionsentscheidung.


Absolut spannend finde ich deshalb die Synthese aus beiden Schulen:

  • Die Bestimmung des Kaufzeitpunktes für eine nach Value-Grundsätzen bereits unterbewertete Aktie mit Hilfe der Sentiment-Analyse bzw. das Abwarten, bis die Nacht am schwärzesten ist.
  • Die Ablösung einer fixen, eingeforderten Sicherheitsmarge (zum Beispiel 30% unter fairem Wert) für jedes Investment durch eine flexible Marge, deren Höhe eine Querdenker- bzw. Überraschungs-Komponente enthält. Der Sicherheitsabschlag darf zum Beispiel kleiner sein, wenn neue technologische Entwicklungen oder absehbare Marktveränderungen das Sentiment für die Branche bzw. das Unternehmen zukünftig beeinflussen werden.
  • Last but not least: der flexible Wechsel vom Contrarian (diese Aktie hasst jeder, jetzt könnte ein guter Kaufzeitpunkt sein) zum Value-Anleger (die Übertreibung nach unten wurde kurzfristig korrigiert, wieviel Anschlusspotential ist basierend auf fundamentalen Kennzahlen nun auf mittlere Sicht gegeben) zurück zum Contrarian (Value-Anleger haben nach dem deutlichen Kursanstieg sofort verkauft, Analysten geben nur Sell-Empfehlungen aufgrund der Bewertung, aber der Kurs hat weiter Momentum und steigt weiter - bedeutet Contrarian zu sein, manchmal auch gerade nichts zu tun?)

Contrarian- und Value-Strategie sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille oder anders gesagt, jeweils ein Teil des Ganzen.


 

(c) 2015 Covacoro

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