Buchreview: Die Inflationslüge

"Die Angst vor der Inflation hat das Land im Griff. Sie treibt die Bürger in riskante Gold- und Immobiliengeschäfte und lähmt die Politik. Der wirtschaftspolitische Korrespondent der Zeit, Mark Schieritz, zeigt auf, wer diese Angst schürt, wer damit Profit macht und warum sie keine reale Grundlage hat."

 

Mit diesen Worten wird das im Mai 2013 erschienene Buch "Die Inflationslüge" beworben, dass in der KNAUR-Reihe Klartext erschienen ist und welches ich gerade gelesen habe und besprechen möchte. Der Untertitel lautet: Wie uns die Angst ums Geld ruiniert und wer daran verdient.


Das 141 Seiten starke Taschenbuch habe ich in einem Rutsch durchgelesen: Es ist also gut lesbar, kein trockenes Sachbuch oder detaillversessene, schwer verständliche, volkswirtschaftliche Abhandlung. Das Buch ist sowohl für Leser geeignet, die sich erstmals mit dem Thema beschäftigen möchten, als auch für Leser, die bereits einiges zum Thema gelesen haben und statt der vielen kleinen Häppchen und Splittern in den Medien, jetzt eine etwas differenziertere und ausführlichere Darstellung suchen. Der Schreibstil ist flott, die Sätze nicht zu verschachtelt und insgesamt gelingt eine gute Balance zwischen Fakten und Meinungen, von Information und Argumentation.

 

Der Autor begann seine Karriere bei der Financial Times Deutschland, wo er 7 Jahre lang tätig war und schreibt aktuell unter anderem für die Zeit, zum Beispiel im Blog "Herdentrieb" diesen Artikel vom 16.07.2015: "Draghi macht seine Sache gut". Ich vermute, dass die Einstellung der FTD Ende 2012 ein Zeitfenster für dieses Buchprojekt eröffnete, denn der Erscheinungstermin war Mai 2013. Da die letzten Kapitel für meinen Geschmack etwas kurz ausfallen (dazu später mehr), scheint es aber auch so gewesen zu sein, dass das Buch innerhalb von 6 Monaten auf den Markt kommen sollte oder mußte. Das Thema - Inflation - ist vor dem Hintergrund der neuen Rettungspakete für Griechenland und dem seit Frühjahr 2015 laufenden Programm von Staatsanleihenkäufen durch die EZB nach wie vor in der täglichen Diskussion präsent. Ich denke, das Buch hat wenig an Aktualität eingebüßt und ist gerade jetzt lesenswert. 

 

Aber beginnen wir mit einem Überblick über die Kapitel und ein paar Stichpunkten zum Inhalt:

 

Kapitel 1 - Die falsche Angst

Die Einleitung formuliert den Anspruch: "Dieses Buch soll Sie in die Lage versetzen, zwischen echter und vermeintlicher Inflationsgefahr zu unter-scheiden, um so die richtigen Entscheidungen treffen zu können - an der Wahlurne und bei der Geldanlage. Es beschreibt, woher das Geld kommt, und wer es kontrolliert." 

Kapitel 2 - Drei Mythen über die Inflation

Mythos 1: die Hyperinflation in den zwanziger Jahren in Deutschland hat den Untergang der Weimarer Republik verursacht.

Mythos 2: die Preise steigen immer schneller. 

Mythos 3: die Welt ertrinkt im Geld.

Kapitel 3 - Warum Geld nicht alles ist

Eine kleine Währungsgeschichte, vom Geld zur Inflation.

Kapitel 4 - Wer kontrolliert die Preise?

Die Macht der Notenpresse und die neue Welt der Zentralbanken.

Kapitel 5 - Wie viel Inflation brauchen wir?

Warum teuer manchmal gut ist, wem die Inflation nützt und wem sie schadet.

Kapitel 6 - Ist die Krise zu Ende?

Ohne Schulden geht es nicht, finanzielle Repression und "So kommen wir da raus".

Kapitel 7 - Eine andere Art der Inflation

Das Geld ist falsch verteilt, Grenzen für die Banken.

Kapitel 8 - Immobilienfieber

Die eigentlichen finanziellen Massenvernichtungswaffen sind Immobilien.

Kapitel 9 - Wer die Panik schürt

Rolle der Banken, der Politik, von Experten und den Medien.

Kapitel 10 - Warum die Angst vor der Inflation uns ruiniert

Die irrationale Furcht vor der Inflation kann gefährlich sein, wenn viel dringendere Probleme zu lösen sind.

 

Ich glaube aus dieser Liste ist gut ersichtlich, dass viele Facetten angesprochen werden, aber auch eine klarer roter Faden vorliegt. Die Angst vor der Inflation wird begründet mit historischen Ereignissen und Mythen, die vor allem in Deutschland das Meinungsbild prägen. Die Wirtschafts- bzw. Geldgeschichte wird stark komprimiert dargestellt, es wird beschrieben, wie Geld zu seinem heutigen Stellenwert kam. Der Autor erklärt auch, wie Geld entsteht und erläutert den Unterschied zwischen Zentralbankgeld und der Geldschöpfung durch die privatwirtschaftlichen Banken mittels Kreditvergabe. Er beleuchtet auch wichtige Begriffe (zum Beispiel Geldmengen M1, M2, M3) und wie Zentralbanken und Geschäftsbanken interagieren. Das in nur 3 Kapiteln (2 bis 4) abzuhandeln, war sicher nicht einfach, ist aber gut gelungen. Wer sich zu diesen Aspekten weiter informieren möchte, dem würde ich das Buch von Felix Martin empfehlen: "Geld, die wahre Geschichte : über den blinden Fleck des Kapitalismus".

 

Der Autor äußert klar seine Meinung, dass "die größte Gefahr für unseren Wohlstand ... im Moment nicht die Geldentwertung selbst ist, sondern die Angst vor ihr". Die besten Kapitel sind daher 5 bis 7, wo er historische und aktuelle Gegebenheiten vergleicht, in Beziehung setzt und den Nachweis führt, dass seiner Meinung nach die Ausweitung der Zentralbank-Bilanzen in der gegenwärtigen Krise nötig war und ist, sowie nicht zwangsläufig zu einer Hyperinflation führen wird. Da ich anregen will, das Buch selbst zu lesen, sei an dieser Stelle nur verraten: der zentrale Punkt, ob Inflation entstehen kann oder nicht, ist aus Sicht des Autors die Nachfragesituation in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt.


Ich finde es erstaunlich, was Schieritz auf lediglich 141 Seiten dargelegt hat und das Buch führt auf jeden Fall dazu, dass man Artikeln über die aufziehende Inflationsgefahr nicht mehr unwidersprochen oder unkritisch Glauben schenkt. Wenn man den Autor kritisieren will, dann vor allem dafür, dass er zu seinem Untertitel - wie uns die Angst ruiniert und wer daran verdient - doch nur recht spärliche Informationen liefert. Zwar beschreibt er, dass viele Deutsche aus Angst vor der Geldentwertung Immobilienkäufe als Heilmittel sehen und dass die Preise hier steigen. Und er weist auf die Gefahren hin, die gerade hier lauern und das die letzten größeren Finanzkrisen stets mit einer Immobilienblase verknüpft waren (Japan, USA, Spanien). Aber etwas mehr Daten oder die Angabe weiterführender Quellen hätten an dieser Stelle dem Buch gut getan. Wer also zum Beispiel "Kaufen oder Mieten" von Gerhard Kommer nicht gelesen hat, wird an dieser Stelle skeptisch bleiben (als Service für meine Leser: Video-Kurzvorstellung des Buches am Ende des Artikels). Ganz allgemein gesprochen sagt er also nur: Angst ist ein schlechter Ratgeber und die in Kapitel 9 benannten Panikmacher (Banken, Politik, Experten und Medien) profitieren eher von reißerischen News, der Flucht vor Inflation und hektischen Umschichtungen als von informierten Wählern und Anlegern, die ihr Geld und ihre Stimme mit Bedacht streuen und einsetzen. Das mit der Inflationsangst bestimmte politische Entscheidungen vorangetrieben werden können bzw. die Vorbereitung auf das schlimmste mögliche Szenario dazu führen würde, dass Kapital in die falschen Sachanlagen fließt (Immobilien und Gold), statt in Bildung und Produktivkapital zu investieren, wird recht kurz behandelt. Auch würde die Verstärkung dieser ohnehin vorhandenen Tendenzen in Deutschland und Europa nicht gleich zum Ruin führen, wäre aber sicher vor dem Hintergrund einer globalen Wirtschaft alles andere als gut auf lange Sicht.

 

Fazit: Eigene Meinung statt Herdentrieb - das ist der Slogan dieser Webseite und das Buch von Mark Schieritz ist ein interessanter, widersprüchlicher, facettenreicher, in vielen Punkten gelungener Beitrag in diesem Sinne. Daher empfehle ich es zu lesen!

 

Anbei noch der Link zu zwei recht gegensätzlichen, kritischen Rezensionen für dieses Buch und einem Video zum Kommer-Buch:

Frankfurter Allgemeine, Gerald Braunberger: Der Inflationsprediger

Kritisch-lesen.de, Patrick Schreiner: Wegbereiter neoliberalen Denkens


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Kommentare: 2
  • #1

    abersowas (Mittwoch, 22 Juli 2015 19:28)

    interessant zu lesen...
    Angst ist bei Geld schon immer ein schlechter Ratgeber gewesen
    Und "Verführer" gibt es zuhauf. Aber merke: Die meisten wollen ja nur Dein Bestes. Nämlich Dein Geld.

  • #2

    Fabian (Sonntag, 04 Oktober 2015 23:27)

    Ich denke bei der Betrachtung der Wertsteigerung von Immobilien darf man nicht nur den Durchschnitt betrachten, man muss auch in die Daten genauer hineinschauen. Ich behaupte, dass durch Verstädterung und den Zug vom Land in die Stadt in Deutschland, die städtischen Wohnungen ihren Wert überdurchschnittlich und die ländlichen Wohnungen unterdurchschnittlich steigern konnten.
    Je nach Verstärkung oder Abflachung dieses Trends kann sich in Zukunft die Investition in Immobilien unterschiedlich lohnen.