Buchreview: Grundsätze soliden Investierens

"Grundsätze soliden Investierens - In zehn Schritten zu nachhaltigem Anlageerfolg" ist bereits 2008 im Gabler-Verlag erschienen.

 

Der Autor Hannes Peterreins ist seit 1998 als selbständiger Finanzdienstleister tätig und leitet eine Vermögensverwaltung in München. In meinem Blog habe ich schon mehrfach auf verschiedene lesenswerte Blog-Artikel von Dr.Peterreins verwiesen, darum war es für mich interessant, einmal nachzuschauen, welche Ratschläge er in seinem Buch zusammengefaßt hat.


Im Vorwort schildert der Autor, dass er zunächst für einen institutionellen Anleger (Allianz KAG) als Risiko-Controller gearbeitet hat und erst mit Beginn der Selbstständigkeit als Vermögensverwalter für Privatanleger. Er stellte schnell fest, dass Privatanleger völlig anders denken und handeln. Zitat: "große Firmen versuchen, kontinuierlich ihre Anlageprozesse zu verbessern ... die große Mehrheit der Privatanleger hingegen wurstelt einfach mehr oder weniger dilettantisch und unstrukturiert vor sich hin." Im Buch geht es also vor allen Dingen um eines: zu einem strukturierten Prozeß des Investierens zu gelangen und dafür benötigt es natürlich Regeln.

 

Das Buch wurde dementsprechend in 3 Teile gegliedert: Im ersten Teil geht es um typische Fehler und wie sie entstehen, er liefert die Motivation für den zweiten Teil. Hier werden dann die 10 Grundsätze soliden Investierens formuliert, die laut Einleitung "ein Maßstab sein sollen, den man an sein eigenes Vermögen sowie an Anlageangebote anlegen kann. Sie sollen helfen, die Vernunft vom Unsinn, die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden." Das ist natürlich ein hoher Anspruch. Im dritten und letzten Teil wird ein kleines Lexikon der Geldanlage geliefert. Dieser Teil bespricht die konkreten Produkte, die Privatanlegern zur Verfügung stehen und geht auch auf mögliche Formen und Wege der Altersvorsorge ein. Dabei steht im Fokus, dass auch dieser Teil für Einsteiger leicht verständlich ist, einen Überblick bietet und gut lesbar sein soll. 

 

Hier nun eine etwas ausführlicher aufgelistete Inhaltsübersicht, bevor ich auf die Kernpunkte des Buches genauer eingehe.

 

Teil 1 - Vorsicht Falle! Wie Intuition zu Fehlentscheidungen verleitet

  • Mentale Kontoführung
  • Risikoklassen
  • Mustererkennung
  • Übersteigertes Selbstvertrauen
  • Kontrollillusion
  • Nennerblindheit
  • Angst

Teil 2 - Grundsätze soliden Investierens

  • Anlageziele
  • Risiko
  • Vergangenheitsdaten und Charts
  • Kapitalmarktprognosen
  • Passives Management
  • Gebühren
  • Risikostreuung
  • Anlagehorizont
  • Risikomanagement
  • Innere Distanz

Teil 3 - Kleines Lexikon der Geldanlage

  • Wertpapiere und andere liquide Finanzinstrumente
  • Anlagestrategien mit liquiden Finanzinstrumenten
  • Illiquide Kapitalanlagen
  • Sparen für die Altersvorsorge
  • Finanzdienstleistungen
  • Wichtige Institutionen
  • Finanzmathematik

Zum ersten Teil des Buches ist nicht viel zu sagen, es ist ein kurzer Abriß von psychologischen Fehlern beim Investieren und in der Entscheidungs-findung auf insgesamt 10 Seiten. Wenn man so will, eine etwas ausführlichere Einleitung auf den Hauptteil des Buches. Wer sich detailliert mit dieser Problematik beschäftigen will, sollte auf Bücher wie "Die Kunst des klaren Denkens" von Rolf Dobelli oder "Gier" von Jason Zweig zurückgreifen, denn das Thema kommt hier etwas sehr kurz. (Weitere Lesetipps siehe auch in meiner Bücherliste.)

Nun aber zum Kern des Buches, dem zweiten Teil und zu Grundsätzen soliden Investierens. Dr. Peterreins vergleicht den Vermögensaufbau mit dem Bau eines Hauses: eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass man zunächst den Bauplan erstellt, das Fundament festlegt und die Ziele definiert. Aber viele Privatanleger haben weder die Anlageziele definiert noch eine grobe zeitliche Planung aufgestellt, was wann wie und warum passieren soll. Das stellt eine prinizipielle Schwäche dar und daher lautet der 1.Grundsatz soliden Investierens:

 

Überlegen sie sich, welche Ziele sie mit ihrer Geldanlage verfolgen.

Erst durch klar gesetzte Anlageziele kann ihr Vermögen sinnvoll strukturiert und ausgerichtet werden.
Ohne Anlageziel ist in Finanzdingen alles zufällig.

 

So einleuchtend es klingt, die wenigsten unterziehen sich der Mühe, ihre Ziele und ihre Strategie schriftlich zu formulieren und nieder zu schreiben. Das ist nicht nur in Finanzdingen so, sondern gilt ebenso für Lebens- oder Karriereziele. Man läßt die Dinge so laufen, wie sie sich ergeben und verwendet möglichst wenig Zeit auf Planung. Leser und Autoren von Finanzblogs stellen da wahrscheinlich eine Ausnahme dar, denn sie beschäftigen sich mit diesen Themen, darum hier nur kurz typische Anlageziele aufgelistet:

  • eine Liquiditätsreserve für unvorhersehbaren, aber wahrscheinlichen Geldbedarf,
  • das Sparen auf einen Zielbetrag bis zu einem bestimmten Zeitpunkt,
  • laufende Entnahmen bei Kapitalerhalt oder unter Kapitalverzehr über eine definierte Zeitspanne.

Es ist eigentlich sehr einleuchtend, dass ein Portfolio nur dann sinnvoll zusammengestellt werden kann, wenn vorher die Ziele klar benannt sind. Die Wahl des konkreten Anlageproduktes ist nämlich zweitrangig und leitet sich daraus ab. Der jeweilige Anlagehorizont ist laut Dr. Peterreins "das entscheidende Kriterium" und "viel wichtiger als die persönliche Risikoneigung des Investors." Denn es gilt: "je kürzer der Anlagehorizont, umso mehr sollte auf Sicherheit geachtet werden." Was uns nahtlos zu Risiko und dem zweiten Grundsatz bringt:

 

Minimieren sie ihr Risiko!

Suchen sie nach Wegen, ihre Anlageziele mit dem geringstmöglichen Risiko zu erreichen. Die allererste Frage sollte immer sein, ob man seine Ziele vielleicht ganz einfach mittels Fest- oder Tagesgeld erreichen kann.

 

Hier möchte ich ergänzen: oder mit der Tilgung von Schulden und Krediten, auf die ich definierte Zinsen zahle und mit deren Rückführung ich garantierte Ersparnisse erreiche. Im Buch werden einige Fallbeispiele besprochen, wo Anleger der Meinung sind, mit ihrem Vermögen hoch riskante Spekulationen eingehen zu müssen oder unbedingt in Aktienfonds investieren zu müssen, um 4 bis 5% Rendite anzustreben. Dabei ist in einem Fall das Vermögen so groß, dass die gewünschte Entnahme von 5000 Euro pro Monat problemlos mit einer (damals noch möglichen) Festgeldanlage zu 3% erreichbar war. Auch sollten Anleger nicht vergessen, sich über ihr Humankapital, die Absicherung existentieller Risiken und die Stetigkeit ihres Einkommens klar zu werden, bevor sie entscheiden, wieviel Risiko sie an den Kapitalmärkten eingehen wollen. 

 

Der unsachgemäße Umgang mit Vergangenheitsdaten, insbesondere mit Charts, ist wertlos, häufig sogar gefährlich. Stellen sie ihre Anlageentscheidungen nicht auf eine solch wackelige Basis wie gute vergangene Renditen! Die Zukunft kann ganz anders aussehen. Vergessen sie auch die Chartanalyse. Sie ist keine vernünftige Entscheidungsgrundlage.

 

Kapitalmarkt-Prognosen sind wertlos, häufig sogar gefährlich.


Machen sie keine Prognosen, hören sie auf keine! Legen sie ihr Geld an, möglichst ohne von konkreten Prognosen abhängig zu sein.

 

Mit dem dritten Grundsatz bezieht Dr. Peterreins eine klare Position gegenüber all denjenigen, die Vergangenheitsdaten für ihre Anlagestrategie heranziehen und der vierte Grundsatz erweitert diese Denkweise auf Kapitalmarkt-Prognosen, die in die Zukunft gerichtet sind.

Dabei geht es ihm in erster Linie darum, dass man zum Beispiel nicht Fondsranglisten oder -hitlisten verwendet, um über die Auswahl eines konkreten Anlageproduktes zu entscheiden, oder eine Chartanalyse darüber entscheidet, ob man in Emerging Markets investiert sein will oder nicht. Auch die Kapitalmarktprognosen sind vor allem deshalb gefährlich, weil sie zu sinnlosen Aktionen verleiten können, statt an der definierten Kapitalallokation festzuhalten. Die Vergangenheits-Gläubigkeit einerseits und die Selbstüberschätzung im Hinblick auf zutreffende Vorhersagen andererseits, sollte man als Gefahrenquellen identifizieren und seine Strategie davon bewußt unabhängig definieren. 

 

Sie können nicht erwarten, der Markt zu schlagen.


Meiden sie daher teures aktives Anlagemanagement und investieren sie in kostengünstige Indexprodukte.

 

Minimieren sie die Gebühren!


Das wichtigste Kriterium zur Beurteilung von Anlageprodukten sind die Gebühren.

 

Diversifizieren sie ihr Vermögen!

Das wichtigste Kriterium bei der Strukturierung eines Gesamtvermögens ist die Risikostreuung. Achten sie darauf, solche Anlageformen zu kombinieren, deren Wertentwicklung möglichst unabhängig oder gegenläufig ist.

 

Die Grundsätze 5, 6 und 7 fassen das Credo des passiven, breit diversifizierten, kostengünstigen Investierens zusammen. Dabei wird dieser Wahl ausschließlich die Anlage in aktive Fondsprodukte gegenübergestellt und es wird leider nicht hinterfragt, ob es für einen Privatanleger generell sinnvoll ist, seine Risikopositionen (Aktien) und deren Performance am "Markt" oder einer "Benchmark" auszurichten. Es werden dann auch die vorhandenen und bekannten Studien zitiert, dass die Mehrheit der aktiven Fonds nach Kosten ihre Benchmarks nicht schlagen können. In Teil 3 hingegen findet dann Erwähnung, dass bestimmte, klar definierte Strategien durchaus eine Chance haben, dies zu erreichen:

  • Value Strategie
  • Small-Cap Strategie
  • Momentum Strategie

Ob man daher hier aktiv werden sollte, sagt Dr. Peterreins nicht, sondern formuliert salomonisch: "Dass eine Anlagestrategie generell und im strikten Sinne erfolgreich ist, ist eine so starke Aussage, dass sie letztendlich wissenschaftlich kaum zu beweisen ist. Wenn ein Anleger auf solche Strategien setzt, sollte er sich dessen bewusst sein." Nun, wie der Blog und mein Wikifolio zeigt, bin ich schon der Meinung, dass es sich lohnt hier aktiv zu sein. Als ideale Konfiguration sehe ich ein Portfolio mit ETF zur Abdeckung der weltweiten Märkte an (MSCI World und Emerging Markets), die kombiniert werden mit Unternehmensanleihen und Value-Aktien aus dem Euro-Raum. Letztere sollten bewußt nicht in großen Indizes vertreten sein, also aus dem Small und Micro Cap Bereich kommen und mit mittel- bis langfristigem Anlagehorizont ausgewählt werden. Dazu in einem späteren Artikel im Blog mehr.

 

Beachten sie den Anlagehorizont ihrer Vermögensziele!


Das wichtigste Kriterium für die Auswahl der richtigen Anlageprodukte und -strategien ist der persönliche Anlagehorizont des Investors.

 

Was sieh zunächst nach einer Doppelung von Grundsatz 1 anhört, ist eigentlich eine Erweiterung und Präzisierung. Dr.Peterreins hinterfragt den Glaubenssatz, dass eine bestimmte Risikobereitschaft und bestimmte Anlageprodukte zusammengehören und stets zusammenpassen sollten. Das Problem damit ist: die Risikotoleranz und -tragfähigkeit eines Anlegers unterliegen teilweise heftigen Schwankungen. Es wäre aber unsinnig, alle paar Monate die Anlagestrategie zu ändern. Darum ist es immer wieder notwendig, sich den Anlagehorizont in Erinnerung zu rufen, zum Beispiel wenn ein Crash am Aktienmarkt zu Kursverlusten führt. Im Falle einer langfristigen Ausrichtung kann die Handelsempfehlung nur lauten, den starken Rückgang zur Rebalancierung zu nutzen, d.h. genau diese Märkte nachzukaufen. Nicht ist schädlicher, als den eingeschlagenen Weg zu verlassen, und als Anleger muß man sich immer wieder selbst disziplinieren.


Risikomanagement!

Legen sie unbedingt vernünftige "Feuerwehr-Strategien" fest, und zwar bevor etwas passiert. Und wenn es brennt, setzen sie diese Strategien automatisch und ohne nachzudenken um. Oder delegieren sie das Risikomanagement an einen Profi.

 

Bewahren sie jederzeit eine innere Distanz!


Die beiden letzten Grundsätze soliden Investierens beschäftigen sich mit zwei Punkten, die oftmals vernachlässigt werden. Da es wichtig ist, Beständigkeit in seine Vermögensanlagen zu bringen, muß es auch Notfallpläne geben und eine Risikomanagement. Ausdauer und Disziplin sind auf dem Feld der Geldanlage keine Selbstverständlichkeiten, sondern müssen erlernt werden. Dies gilt im übrigen unabhängig davon, ob jemand eine passive oder aktive Anlagestrategie oder eine Mischung daraus verfolgt. Der Autor stellt als Risikostrategien im wesentlichen zwei Verfahren vor: Stop-Loss Limits für kurz- bis mittelfristige Anlagehorizonte und antizyklisches Verhalten bzw. Re-Balancing für langfristige Anlagehorizonte. Und genau hier ist es dann wichtig, diszipliniert und besonnen zu handeln.

 

Außerdem empfiehlt der Autor, stets eine gewisse innere Distanz zur Geldanlage zu bewahren. Dies ist zum einen nützlich, um Gefühle der Gier und Angst zu kontrollieren und zum anderen, sollte man nicht den Blick auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben verlieren und bedenken, dass die Vermögensanlage nur Mittel zum Zweck ist. Last but not least möchte ich noch hinzufügen: jeder Anleger, der Entscheidungen für seine Geldanlage eigenverantwortlich treffen will und muß (und auch nichts zu tun, ist eine Entscheidung!), sollte sich darüber im Klaren sein, dass dies Energie und Zeit verlangt. Jeder Mensch kann aber pro Tag nur eine bestimmte Menge an rationalen Entscheidungen treffen und der eine oder andere, der beruflich stark eingespannt ist, wird seine gesamte Energie hier verbrauchen (Stichworte: Entscheidungsermüdung, Willenskraft, gute Artikel dazu u.a. bei Wikipedia oder in diesem Blog). Für diese Anleger bedeutet Distanz zu halten, die Vermögensanlage bewußt an einen Profi outzusourcen bzw. eine komplett passive Strategie zu verfolgen, die nur einmal jährlich ein Rebalancing erfährt und ansonsten keine Entscheidungen verlangt.

 

Im dritten Teil des Buches stellt der Autor dann die verschiedenen, verfügbaren Produktkategorien vor und gibt auch praktische Hinweise zu Anlage-strategien, allgemein zur Altersvorsorge und zur Zusammenarbeit mit Banken, Finanz- und Honorarberatern bzw. Vermögensverwaltern. Dieser Abschnitt ist zu umfangreich, um ihn einzeln vorzustellen und man könnte ihn als Nachschlagewerk oder Ratgeber benutzen. Insofern ist mein Gesamtfazit: ein gutes Einsteigerbuch, lesenswert und relevant. Der Anspruch, dass die 10 Grundsätze helfen sollen, "die Vernunft vom Unsinn, die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden." wird eingelöst. Allerdings sollte man auch keine Wunder erwarten und es werden auch keine zig verschiedenen ETF-Portfolio Zusammensetzungen detailliert diskutiert.

 

Schließen möchte ich diese Buchvorstellung mit zwei Zitaten, die mir beim Lesen des Buches immer wieder in den Sinn kamen: 

 

“In the short run, the market is a voting machine but in the long run, it is a weighing machine.”   Benjamin Graham

 

"The investor's chief problem — and even his worst enemy — is likely to be himself."  Benjamin Graham

 

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