Mit wem man investieren soll

Wem vertrauen und mit wem investieren?  Bildquelle: Pixabay

Bereits Ende Juni landete eine Email in meinem Postfach, deren Betreff-Zeile eine wilde Aufzählung enthielt: Singularity, slack, Peterson Capital, Pabrai, Mad minute, usw. usf.

 

Wie sich bald herausstellte, war es kein Spam, sondern der Newsletter von Guy Spier, einem Value-Investor und alleinigen Manager des Aquamarine Fund.

 

Sein Buch "Die Value-Investor Ausbildung" ist längst ein Klassiker und sehr lesenswert, weil es den Blick auf das Umfeld, auf Charakterzüge und Verhaltensweisen sowie Methoden als Basis für Erfolg oder Scheitern beim Investieren lenkt. Ich hatte es kurz zuvor in meinem Blog vorgestellt. Man könnte also sagen, Value-Investoren finden Value-Investoren, Filterblase im Web, carry on. Aber an einem der verlinkten Artikel bin ich hängengeblieben, er trägt den Titel: With whom would I invest.

 


Mit WEM MAN INVESTIEREN SOLL

 

In diesem Blogpost stellt Guy Spier dar, welche Kriterien er an jemanden anlegt, dem er sein Geld anvertrauen würde. Das ist für ihn eine theoretische Frage, da er seine Mittel im eigenen Aquamarine Fund investiert und selbst professioneller Investor ist.

 

Andererseits sollten sich auch DIY-Investoren dieser Frage stellen, da sie gar nicht selten Gelder von "Friends and Family" anvertraut bekommen und verwalten. Welche Kriterien waren dafür Ausschlag gebend: Vertrauen? Glück? Bequemlichkeit oder Kompetenz? Und was würde man selbst von einer solchen Person erwarten?

 

Hier sind die fünf Kriterien von Guy Spier:

1. They should be investing their own money 

2. It should be their primary or sole focus 
3. They should be in a position to do it as an activity, not as a business 
4. They should be good at it 
5. Fiduciary gene

 

Das erste Kriterium, welches viele professionelle Fondsmanager disqualifiziert, ist auch für mich gut nachvollziehbar. Wer sein eigenes Geld ins gleiche Vehikel investiert, geht vorsichtiger und umsichtiger zu Werke. Daher ist es ein Pluspunkt, wenn der Portfolio-Manager ebenfalls investiert ist.

 

Das zweite Kriterium teile ich nicht uneingeschränkt, nämlich dass es sich um die einzige Tätigkeit handeln und der komplette Fokus auf das Investieren liegen sollte.

Zwar kann ich Guys Argument nachvollziehen, dass die besten Manager nur "eine Sache zu einer Zeit" verfolgen und nicht mehrere Dinge parallel. Auch klingt es logisch, die ungeteilte Aufmerksamkeit des Verwalters für sein Portfolio zu fordern.

 

Aber der komplette Fokus auschließlich auf das Investieren? Das kollidiert für die meisten Portfolio Manager direkt mit Kriterium 3 und außerdem kann es leicht zu einer Betriebsblindheit und Arroganz führen, die sprichwörtlich sind.

 

Viel besser ist es doch, wenn derjenige nicht nur Investor ist, sondern gleichzeitig in der Wirtschaft tätig - als Unternehmer, Erfinder, Ingenieur etc. - und vielseitige Interessen hat und verfolgt. Nicht weil er so auf interessante Investmentideen stossen kann, sondern vor allem, weil er so Abstand zum kurzfristigen Denken der Finanzindustrie von Quartal zu Quartal bekommt und aus eigener Anschauung begreift, dass die Verwirklichung von Ideen und Plänen eben Geduld und Zeit benötigen. Ganz im Sinne von:

 

„Ich bin ein besserer Investor, weil ich ein Geschäftsmann bin

und ein besserer Geschäftsmann, weil ich Investor bin".    

      

Warren Buffett
 

Damit kommen wir zum dritten Kriterium: Sie sollten in der Position sein, es nicht als "Business" tun zu müssen - mit anderen Worten als die Tätigkeit, die für ihren Lebensunterhalt sorgt. Dieser Punkt ist verständlich, weil es sonst sehr leicht zu Interessenkonflikten kommen kann, wie Guy Spier ausführt. Was gut für das Business ist - zum Beispiel viel Marketing, das Anlocken neuer Anlegergelder, fantasievolle Gebühren - und damit Einnahmen generiert, ist in der Regel schlecht für die Co-Investoren und oftmals aus der Investmentperspektive zu kurzfristig gedacht. Jedoch kann die Forderung des Kriteriums 2 (Hauptfokus) ja genau dazu führen, dass ökonomische Zwänge auftreten, das Business in den Vordergrund zu stellen. Es sei denn, der Portfolio Manager ist bereits finanziell abgesichert oder hat ein sicheres zweites Standbein.

 

Daher würde ich diese beiden Kriterien zusammenfassen und in der Aussage modifizieren: Der ideale Portfolio-Manager soll nachgewiesener Maßen genügend Zeit, Energie und Durchhaltevermögen auf seine Aufgabe verwenden und professionelle Maßstäbe an diese Tätigkeit anlegen. Weder die Vergütung für die Vermögens-Verwaltung noch die Erträge der eigenen investierten Gelder sollten die einzige Einkommensquelle sein und damit eine wirtschaftliche Abhängigkeit erzeugen.

 

Voll zustimmen kann ich dem fünften Kriterium, dass diese Person ein "fiduciary gene" haben sollte, also wie ein Treuhänder handeln und denken sollte. Das Vermögen zu erhalten, ist wichtiger als Vermögenszuwachs und es ist alles zu unternehmen, um die Kosten so niedrig wie möglich zu halten. Das betrifft zum Beispiel Handels- und Depotkosten, aber auch die Gebührenstruktur des Vehikels, soweit beeinflußbar.

 

Ach ja, und dann gibt es ja noch das vierte Kriterium, welches ich gerade einfach übersprungen habe. Es lautet: "They should be good at it." Sie sollten gute Investoren sein. Und diese Aussage ist laut Guy Spier selbsterklärend. Wirklich?

 

Ist jemand ein guter Investor, wenn er eine möglichst hohe Rendite erzielt? Oder wenn er in irgendwelchen Ranglisten ganz oben steht und viele Ratingsterne erhält? Muss man dazu einen Benchmark-Index schlagen oder ist es besser, sich möglichst unabhängig und wenig korreliert nach oben zu bewegen?

 

Antwort: das kommt darauf an.

 

Oder ist man ein guter Investor, wenn man das Risiko begrenzt und das Portfolio nur geringe Drawdowns und eine niedrige Volatilität zeigt? Und wie wichtig ist die sogenannte risikoadjustierte Rendite oder Kennzahlen wie Sharpe-, Sortino- und Information-Ratio?

 

Antwort: das kommt darauf an.

 

Es scheint: Ohne die Motivation und Ziele der jeweiligen Anleger zu wissen, ist die Frage, was gut und was schlecht ist, nicht eindeutig zu beantworten - egal wieviel Mathematik ins Feld geführt wird, um das Ergebnis zu bewerten.

 

Bleibt eine Alternative: Ob jemand etwas gut kann, kann man auch am Prozess und wie dieser "gelebt wird" bemessen. Klingt merkwürdig? Vielleicht wird es aber schnell am folgenden Beispiel verständlich.

 

Ob ein Möbeltischler ein Meister seines Fachs ist, kann man einerseits an den angefertigten Tischen, Schränken und Möbeln sehen. Dann muss man aber auch eine gute Portion Wissen besitzen, worauf man dabei zu achten hat und Qualität bewerten können. Da ist es also wieder: Das Problem, die Einschätzung vom Ergebnis her vorzunehmen.

 

Ganz anders hingegen die Bewertung vom Prozess her: Schaut man dem Meister zu, wie er das Holz bearbeitet, Fehler und Unreinheiten erkennt und ausgleicht, elegant und gekonnt mit seinen Werkzeugen umgeht, erfasst man recht schnell, ob er diese Tätigkeit nur hinreichend oder besonders gut kann. Wenn etwas leicht und selbstverständlich aussieht, gehört dazu meist viel Übung und Erfahrung! 

 

Diese Perspektive kann und sollte man auf die Geldanlage übertragen. Ein guter Portfolio-Manager ist meiner Meinung nach jemand, der einen Investmentprozess diszipliniert befolgt und "leicht und selbstverständlich" ausführen kann. Er ist in der Lage, seine Fehler zu erkennen, kontinuierlich dazuzulernen und auch in schwierigen Situationen ein brauchbares Möbelstück abzuliefern. Ein guter Investor kann seinen Prozess beschreiben und sein Wissen teilen. Oftmals erkennt man ihn daran, wie selbstverständlich er gute Ergebnisse erzielt, ohne sich ständig mit Benchmarks, anderen Investoren oder Ranglisten zu beschäftigen.

 

Liege ich damit richtig oder falsch? Ich weiß es nicht, aber die Beschäftigung mit der Frage "Mit wem man investieren sollte?" hat uns ja ganz schön weit gebracht. Denn jetzt können Sie den Spieß umdrehen und darüber nachdenken, diese Antworten auf sich selbst zu beziehen. Womöglich werden Sie dadurch ein guter, besserer Investor!

 

Covacoro (c) 2017

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Kommentare: 4
  • #1

    Prof (Freitag, 04 August 2017 20:59)

    Als erstes die Info an Dich, dass dieser Newsletter von meinem Thunderbird als Junk eingestuft wurde. Er funktioniert also, da er genau Deine spamie Worte erkannt hat. ;-)

    Ich persönlich halte wenig von Vermögensverwaltung für Verwandte oder Freunde. Meiner Mutter habe ich mal Commerzbank Aktien für 200 € empfohlen. Damit habe ich mich ein Stück weit selbst enterbt. Das ist schon viele Jahre her und seitdem lasse ich die Finger von solchen Tipps.

    Wenn mir Börse nicht selbst so viel Spaß bereiten würde, kämen für mich wohl am Ehesten Wikifolios wegen ihrer Transparenz in Frage. Wenn hier ein Wikifolio Manager über mehrere Jahre hinweg einen stetigen Kursanstieg mit relativ geringen Kurseinbrüchen hingelegt hat, ist das ein gutes "Möbel".
    ETF und Indexfonds finde ich langweilig, aber sie sind langfristig besser als Nullzins. Gemanagte Fonds gefallen mir gar nicht, denn hier füttert man das dicke Auto und luxeriöse Leben des Fondmanagers.

  • #2

    Covacoro (Samstag, 05 August 2017 14:53)

    Hallo Prof,

    danke für deinen Kommentar. Wenn ich Geld jemandem anvertrauen würde, was ich aktuell nicht tue, dann wären die Kriterien, dass er eigenes Geld genauso und parallel investiert, einen nachvollziehbaren Investmentprozess pflegt und das ganze transparent, mit Engagement, über längere Zeit erfolgreich tut, auf meiner Checkliste ganz weit oben.

    Insofern hast du Recht: im Gegensatz zur Blackbox von gemanagten aktiven Fonds können Wikifolios interessant sein, wo der Manager die obigen Kriterien einhält. Die Transparenz ist dort auf jeden Fall besser, was das Portfolio und die Trades angeht. Oftmals wird aber der Prozess selbst (Bauch oder Systematik?) auch dort von den Managern nicht dargestellt oder vernebelt.

    Aber mal von diesem Punkt abgesehen: erfüllen wir als DIY-Investoren die Kriterien, die wir an Andere anlegen würden, selbst? Versetze dich in die Position desjenigen, der dein Wissen, Geschick, ... auf diesem Gebiet einschätzen soll. Denken wir selbst immer nur ans Ergebnis (hohe Rendite des eigenen Portfolios oder Wikifolios) oder auch, ab und zu, wie wir dorthin gekommen sind (an den Prozeß also) und versuchen, darin besser zu werden?

    Ich bin wie Du zur Erkenntnis gelangt, dass das Anlage-Ergebnis für Family und Friends nie 100% ausreichend sein kann, irgendwas ist immer, womit man unzufrieden sein kann. (Selbst wenn man Fehler schnell korrigiert oder keine Commerzbank empfohlen hatte.)
    Das liegt daran, dass der Wert deiner Hilfe nicht richtig eingeschätzt wird, sondern sich der Blick immer auf die stets vorhandenen Minuspunkte richtet.

  • #3

    Al Sting (Samstag, 05 August 2017 16:24)

    Wie oft ein interessanter, weil gedanken anregender Beitrag. Danke für deinen Hinweis darauf.
    Rein instinktiv gefällt mir deine Einschätzung deutlich besser als jene von Guy Spier, bei der alleine der Widerspruch zwischen Punkt 2 und Punkt 3 ins Auge springt. Auch sonst bin ich mit seiner Liste nicht ganz glücklich:
    - Kaufen, wo jemand sein Geld hat, ist an sich ein kluger Ansatz, aber ich würde mich daran nicht festnageln. Beispielsweise könnte ich mir vorstellen, eines Tages ein Wikifolio aufzulegen, würde aber persönlich oder für gute Freunde eher empfehlen, auf dieses kostenintensive Vehikel zu verzichten und andere, sparsamere (aber vertrauensbedürftigere) Wege der Vermögensverwaltung zu gehen. Deshalb muss ein Wikifolio kein schlechtes Vehikel für "Unbekanntere" sein, denen die notwendige Vertrauensbasis für das sparsamere Modell fehlt. So sehe ich es auch bei anderen Wiki-Verwaltern.
    - Den Widerspruch zwischen zwei und drei hast du schon dargelegt, auch deine Zweifel daran. Ein Profi ist nicht garantiert ein schlechter Anleger, Amateure (wie z.B. die Depotverwalter bei der stw-börse) sind nicht garantiert schlechte Anleger.
    Zur Einschätzung von Qualität halte ich den Vergleich mit Benchmarks schon wichtig: Wie gut ist man im langjährigen Vergleich zu angemessenen Vergleichsindizes?
    - Wie erkenne ich, ob jemand gut darin ist? Ich stimme deiner Übersetzung zu, dass er in der Lage sein sollte, seine Investitionsphilosophie zu erläutern und mit der Zeit zu zeigen, wie weit Worte und Taten miteinander harmonieren - und notfals die Philosophie den Taten anzupassen. Wichtig ist mir damit die Fähigkeit, Irrtümer zu kommunizieren und daraus zu lernen - zu selbstsichere und anscheinend unfehlbare Anleger erwecken bei mir eher Zweifel.

  • #4

    stw (Sonntag, 06 August 2017 12:26)

    Nunja ich glaube ich muss (aus eigener Erfahrung) Guy Spier da etwas in Schutz nehmen... ich finde seine Liste sehr gelungen. Wenn ich meine eigene Investmentbilanz der vergangenen 20 Jahre so betrachte, dann erkenne ich schon eine starke Korrelation zwischen der Zeit, die ich in die Börse investieren konnte, und der erzielten Performance (immer gemessen im Vergleich zur allgemeinen Marktentwicklung). Trotz meiner respektablen langfristigen Outperformance muss ich zugeben: Meine schwächsten Ergebnisse habe ich in den Jahren eingefahren, in denen ich die Börse vernachlässigen musste weil ich zu stark eingespannt war von Beruf und Familie. Das ist jetzt vorbei, die Kinder sind grösser und meine eigene Firma ist verkauft. Daher bin ich schon optimistisch, dass die Kriterien 2 und 3 zumindest in meinem Fall nicht widersprüchlich sein müssen und ich zukünftig noch etwas bessere Ergebnisse erzielen kann mit mehr Fokus auf meinen Investments. Ich liebe das von Dir ausgegrabene Warren Buffet Zitat „Ich bin ein besserer Investor, weil ich ein Geschäftsmann bin und ein besserer Geschäftsmann, weil ich Investor bin". In diesem Sinne... schaun wir mal...
    ;-) stw