Leoni: Kurzschluß im Bordnetz

Leoni hat am 12.Oktober in einer Adhoc-Meldung die Prognosen für 2015 und 2016 revidiert. Daraufhin verliert die Aktie des Automobilzulieferers heute mehr als 30%. Grund genug, den Kurzschluß einmal genauer anzusehen.


Das Unternehmen habe ich in einem Artikel im April etwas ausführlicher vorgestellt und auf Sicht von 12 bis 18 Monaten gekauft, vor allem im Hinblick auf den Wachstumsschub in 2016. Im letzten Quartalsbericht des Wikifolios und im Wochenrückblick KW39/2015 bin ich auf die Situation der Autozulieferer vor dem Hintergrund China und Dieselgate bereits eingegangen bzw. verweise auf die Artikelserie im Blicklog. Daher soll es heute kurz und knackig um die aktuelle Adhoc-Meldung gehen. Hier ist sie im Wortlaut mit Kommentaren und Hervorhebungen von mir (blau gekennzeichnet). 

 

Leoni revidiert Prognosen für 2015 und 2016 wegen unerwarteter Belastungen und eingetrübter Geschäftsaussichten

Nürnberg – Die Leoni AG, Nürnberg (ISIN DE 0005408884 / WKN 540888), stellt nach einem soliden zweiten Quartal unerwartet eine rückläufige Gewinnentwicklung im dritten Quartal fest. In diesem Zeitraum fällt das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) mit ca. 30 Mio. Euro deutlich schwächer aus als angenommen. [Das ist das EBIT für das 3.Quartal, nicht für das Gesamtjahr !]

 

Grund sind überraschend starke Belastungen im Bordnetz-Segment vor allem im September; hier führten beschleunigte Hochläufe komplexer Projekte in Verbindung mit unerwartet angehobenen Stückzahlen zu vermehrten Aufwendungen und einer verminderten Effizienz. Dazu kam die vorzeitige Beendigung margenstarker Projekte.

[Ein beschleunigter Hochlauf und höhere Stückzahlen sind zunächst überhaupt nicht negativ zu werten, wenn man die langfristige Entwicklung im Blick hat. Das heißt doch, dass die Automodelle, die dahinter stehen, erfolgreich sind und sich verkaufen. Die Pilotproduktion ist aber aufwändiger und die besonders schnelle Auslieferung führt stets zu Mehrkosten, damit ist das Geschäft in dieser Phase nicht besonders profitabel. Die erwähnte Beendigung margenstarker Projekte (d.h. Serienprodukte !), die nicht mehr bestellt werden, deutet in die gleiche Richtung: weil die Modelle auslaufen und durch neue ersetzt werden.]

 

Außerdem greifen die im Rahmen der weiteren Globalisierung eingeleiteten Strukturmaßnahmen noch nicht wie vorgesehen. Der Unternehmens-bereich Wire & Cable Solutions zeigte dagegen per saldo im 3. Quartal eine erwartungskonforme Entwicklung bei Umsatz und Ergebnis.

Für das vierte Quartal ist davon auszugehen, dass die schwächere Performance im Bordnetz-Segment das Ergebnis weiterhin belasten wird. Leoni geht deshalb jetzt davon aus, das für das Geschäftsjahr 2015 prognostizierte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) von 200 Mio. Euro nicht zu erreichen. Der Konzernumsatz wird sich unverändert mindestens auf dem Niveau von 4,3 Mrd. Euro bewegen. 

[Leoni sagt nur, dass 200 Mio. Euro nicht mehr zu erreichen sind, aber nicht, um wieviel man niedriger enden wird. Ich weiß nicht, wieviele Investoren, die die Aktien abverkauft haben, sich die letzten EBIT Quartalszahlen angeschaut haben. Hier ist die Zeitreihe für 2014 und soweit vorhanden 2015 als Einschub:]


Leoni Konzern-EBIT (Quelle: HJ-Bericht, Leoni-Webseite)
Leoni Konzern-EBIT (Quelle: HJ-Bericht, Leoni-Webseite)

In 2014 (hellgraue Balken) hat Leoni 50.6 / 47.3 / 34.8 (sic! Einbruch in Q3) / 49.8 Mio je Quartal erzielt, in Summe also etwa 182 Mio. Euro. In 2015 (dunkelgraue Balken) waren es bisher 35.2 / 50.4 Mio in den ersten beiden Quartalen, das heißt für das 2.Halbjahr wäre ein EBIT von 115 Mio. Euro oder 57-58 Mio. Euro pro Quartal nötig, um die ursprüngliche Prognose von 200 Mio. Euro einzuhalten. Da jetzt für Q3 nur ca. 30 Mio. Euro erwartet werden, ist die alte Prognose Makulatur. Kann man das Q3-EBIT einfach in die folgenden Quartale fortschreiben? Meiner Meinung nach ganz klar nicht. Mit dem Q3/2014 und Q1/2015 haben wir bereits in dieser kurzen Zeitreihe zwei Beispiele, dass ein "schlechtes" Quartal aus dem blauen Himmel heraus passieren kann, das Nachfolgequartal aber wieder ein um fast 50% höheres EBIT zeigen könnte.



Aber weiter in der Adhoc: Leoni hält auch seine für das Jahr 2016 ausgegebenen Ziele nicht aufrecht. Zwar wird das Unternehmen die Steigerung der Profitabilität mit oberster Priorität vorantreiben – doch werden sich die oben genannten negativen Effekte im Bordnetz-Segment auch im kommenden Geschäftsjahr ergebnisbelastend auswirken. Verstärkt wird dies durch nunmehr erwartete Umsatzeinbußen und daraus resultierende fehlende Deckungsbeiträge:

 

Die Geschäftsaussichten des Unternehmens werden durch verschlechterte wirtschaftliche Rahmenbedingungen in China [Anmerkung: bekannt, eingepreist seit September 2015] und Russland getrübt [Anmerkung: ebenfalls bekannt, eingepreist seit Beginn der Ukraine-Krise], die voraussichtlich zu Nachfragereduzierungen führen; auch das US-Geschäft mit der Nutzfahrzeugindustrie [Anmerkung: ebenfalls bekannt, bereits thematisiert in den Zwischenberichten der Fahrzeughersteller und der Zulieferer wie Grammer, Nutzfahrzeuge zeigen in Süd-/Nordamerika und Asien einen reduzierten Absatz um ca. 30%] sowie das Umsatzvolumen einzelner Kunden [aha: das meint wohl Volkswagen Nordamerika und ist insofern die einzige Neuigkeit in der Adhoc aus meinem Blickwinkel] werden sich wahrscheinlich nicht auf dem bislang geplanten Niveau bewegen.

 

Leoni senkt deshalb seine Umsatzprognose für 2016 von zuletzt 4.8 Mrd. Euro auf nunmehr rund 4.6 Mrd. Euro [Anmerkung: um nur 200 Mio. Euro reduziert, weil ja in der Planung, die ersten drei Themen enthalten sind und nur Dieselgate hinzugekommen ist!]; die bisherige Zielsetzung einer EBIT-Marge von 7 Prozent wird deutlich unterschritten.

 

[Da rätseln nun alle, was "deutlich" meint und die Adhoc ist ja auch durch und durch negativ und versicherungsdeutsch. Verkaufen! Verkaufen! Verkaufen!  Aber mal ganz nüchtern betrachtet: 2009 wurde zuletzt ein negatives EBIT erzielt. Seit 2010 war es positiv und folgende Margen wurden erzielt: 4.4%, 6.4%, 6.2%, 4.2%, 4.4%. Gut, wir wissen nicht, wo 2016 landen wird, aber für eine Abschätzung was sein könnte, rechnen wir mit diesem Bereich und nicht gleich mit dem Zusammenbruch der automobilen Wirtschaftswelt. Bei 4%/5%/6% EBIT-Marge kommen bei 4.6 Mrd. Euro Umsatz ein EBIT von ca. 184/230/276 Mio. Euro heraus und das ist keine Katastrophe, weil Leoni dann bei einer Steuerquote von ca. 30% und 32.7 Mio Aktien ca. 3.50/4.90/5.90 EpS erzielen würde.] 

 

Das Unternehmen erarbeitet derzeit ein Maßnahmenpaket, das die angestrebte Profitabilität des Bordnetz-Segments gewährleisten soll. Details zu den Maßnahmen und konkrete Aussagen zum dritten Quartal sowie zur Guidance wird Leoni am 10. November bei der planmäßigen Vorlage des Zwischenberichts machen.

 

Fazit und Zusammenfassung: Ich habe Leoni heute nachgekauft, weil auf diesem Kursniveau die Aktie mit einem -abgeschätzten- Worst Case KGV 2016e von 10 bewertet ist und der Wachsstumssprung nur verschoben, aber nicht aufgehoben ist. Die Anfangsposition aus April wurde also jetzt komplettiert, denn ein Kurzschluß ist zwar ärgerlich, kann aber repariert werden.

 

Disclaimer: Die Daten wurden sorgfältig recherchiert und stammen von der Unternehmens-Webseite und öffentlich zugänglichen Quellen. Trotzdem stellt die Analyse lediglich die persönliche Sicht des Autors dar und kann fehlerhaft sein. Vor jeder Anlageentscheidung sollten Leser sich daher selbstständig über die besprochene Aktie informieren und eigenständig entscheiden. Der Autor weist darauf hin, dass er die im Artikel besprochene Aktie im Privatportfolio und -wikifolio hält und sie jederzeit und ohne darüber zu informieren zu- oder verkaufen könnte. Dieser Artikel stellt keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung oder Anlageberatung dar.

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Kommentare: 3
  • #1

    Christian (Dienstag, 13 Oktober 2015 21:46)

    Hi Chris,

    deine Einschätzung in alle Ehren, aber leider ist Leoni dafür berüchtigt, dass irgendwie immer irgendwelche komischen Sondereffekte dazwischenkommen und die prognostizierten Gewinne dahinschmelzen lassen. Der aktuelle Kursabschlag mag übertrieben sein, das weiß ich nicht, weil ich mich schon länger nicht mit dem Unternehmen beschäftigt habe, aber die Erfahrung, dass Prognosen kassiert werden, habe ich bereits öfters machen müssen. Allerdings hatte ich das Glück jedesmal mit einem Gewinn vorher ausgestiegen zu sein und das war wirklich nur Glück und hätte auch anders ausgehen können. Um es kurz zu machen: Ich traue dem Management nicht mehr und halte mich schon seit einiger Zeit von dieser Aktie fern.

  • #2

    Covacoro (Mittwoch, 14 Oktober 2015 18:52)

    Ich bin zwar nicht Chris :-) aber trotzdem danke für deinen Kommentar, Christian.

  • #3

    memyselfandi007 (Freitag, 16 Oktober 2015 23:27)

    Hallo,
    ich hab mir Leoni nie genau angesehen,aber relativ oft folgen einer Gewinnwarnung noch ein paar weitere (siehe Bilfinger etc.). Man sollte also mit dem Nachkaufen vmtl. eher vorsichtig sein.
    mmi