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Das Mantra MSCI World

Ein gebetsmühlenartig wiederholtes Mantra ist die Aufforderung an private Investoren, ihre Investitionen weltweit zu streuen. 

 

Nur so verpasse man keine Anlagechancen und entginge dem Fehler des "Home Bias", also zu stark auf Inlandswerte zu setzen.

 

Bitte einmal MSCI World ins Depot, nur so sei man optimal diversifiziert !!!

 

Nachgerechnet wird selten oder nur von der Seite, die uns eine solche Anlage schmackhaft machen will. Und vor allem wird der Kontext nicht erwähnt: die Globalisierung

 

Wie Veröffentlichungen zum Home Bias in USA (Link), Grossbritannien (Link) oder China (Link) zeigen, ist das Phänomen auch nicht auf Deutschland beschränkt.

 

Gibt es einen Haken an der bequemen internationalen Anlage mittels ETF auf den MSCI World? Sollte man dem Mantra vielleicht mit etwas mehr Skepsis begegnen? Auf diese Fragen gehe ich im folgenden Artikel ein.


Der Kontext

 

Wikipedia beschreibt Globalisierung als den Vorgang, dass internationale Verflechtungen in Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt etc. zunehmen. Während der Begriff bereits in den 1960er Jahren geprägt wurde, streiten sich die Auguren immer noch darüber, wann die Globalisierung nun ihren Anfang nahm. 

 

Ich halte diese Diskussion für sinnfrei. Globalen Handel und Austausch gab es bereits in grauer Vorzeit. Sicher haben politische Umbrüche und technologische Durchbrüche bewirkt, dass wir im 20.Jahrhundert und vor allem seit den 1990er Jahren eine starke Ausweitung der Globalisierung beobachten. 

 

Um nur einige beitragende Faktoren zu nennen: der Zusammenbruch des Ostblocks und das Ende des Kalten Krieges. Oder Technologien wie Container(schiff), Mikroprozessor und Internet. Sowie Asien als Werkbank der Welt, das Nordamerika beim erzeugten BIP (Brutto-inlandsprodukt) mittlerweile überrundet.

 

Die Finanzmärkte waren und sind mitten drin in der Globalisierungsparty. Als Profiteur und als Schrittmacher, aber auch als Ausgangspunkt globaler Finanz- und Wirtschaftskrisen.

 

Unverändert blieb nur Eines: die Leitbörse war und ist die Wall Street. Auf ihre Entwicklung achten alle Akteure und so dominieren im MSCI World Index amerikanische Unternehmen mit einem Anteil von 62 Prozent deutlich (Stand Januar 2019, Factsheet von MSCI).

 

Im Privatleben ist die Globalisierung ebenfalls angekommen: Da kann der Brötchengeber plötzlich unliebsame Konkurrenz aus Asien bekommen. Oder der eigene Job hängt maßgeblich davon ab, ob Asiaten fleißig einkaufen und wie stark Entwicklungsländer in Infrastruktur investieren.

 

So sieht der Kontext aus, vor dessen Hintergrund weltweites Investieren und der MSCI World Index modern wurden, was ich in einem älteren Artikel vereinfacht als Diversifikation 1.0 bezeichnet habe.

 

Aber hat es sich gelohnt für einen deutschen Investor in den MSCI World anzulegen?

 


Die Momentaufnahme

 

Im Factsheet findet man die Wertentwicklung des MSCI World in US Dollar und "Gross Return" inklusive Dividenden ab Januar 2004, das heißt über die vergangenen 15 Jahre. Der Index stieg um kumuliert 182 Prozent bzw. 7.2% p.a..

 

Als deutscher Anleger könnte uns aber der US-Dollar Sorgen machen und der Euro-Endwert mehr interessieren. Daher besuchen wir die MSCI Webseite. Dort kann man für längere Zeitreihen zumindest Monatsendwerte in Euro herunterladen und auch einen Indexchart anschauen.

 

Ausserdem empfiehlt sich meiner Meinung nach, die NR (Net Return) genannte Indexvariante zu berücksichtigen, da die Performance der GR-Variante (Gross Return) eine Art steuerfreie Bruttorendite darstellt, die wir nicht erzielen können.

 

(Für Details zu den Indexvarianten verweise ich auf einen Artikel von Morningstar. Ich nutze für den Vergleich zu einem ETF oder einem Depot stets die Net Return-Variante, die fiktive Quellensteuern zum Abzug bringt. Für den Vergleich zu Performance-Indizes, die die Brutto-Dividenden beinhalten, nutze ich die Gross Return-Indexvariante. Diese Differenzierung ist aber nur das Sahnehäubchen.)

 

Performance MSCI World / ACWI und Emerging Markets über 15 Jahre, Quelle: MSCI Factsheet
Performance MSCI World / ACWI und Emerging Markets über 15 Jahre, Quelle: MSCI Factsheet

Ich habe DAX und S&P500 seit Anfang 2004 (tagesfein) bereits im Programm Portfolio Performance vorliegen. Im folgenden Chart werden nun die heruntergeladenen Daten für den MSCI World Gross Return und Net Return in Euro hinzugefügt. Bitte beachten: im Unterschied zum obigen MSCI Chart verwendet diese Software die Y-Basis von 0 Prozent statt 100 Prozent - das ist aber nur eine andere Darstellungsweise für die gleichen Daten.

 

Indexvergleich 15 Jahre (01.01.04 - 31.12.18): DAX, S&P500, MSCI World GR / NR in Euro
Indexvergleich 15 Jahre (01.01.04 - 31.12.18): DAX, S&P500, MSCI World GR / NR in Euro

 

Das Resultat mag manchen überraschen: Der DAX schlägt sich als Performance-Index inklusive Dividenden wacker gegen die amerikanische und weltweite Index-Konkurrenz.

 

Obwohl er mit 30 Werten sicher nur eine suboptimale Abbildung der deutschen Exportstärke ist: An der Globalisierung und ihren Profiten hat ein Investor offensichtlich teilgenommen. Plus 160 Prozent kumuliert oder 6.7% p.a. stehen zu Buche. Freilich sind die Ausschläge nach oben und unten stärker mit nur 30 Werten.

 

Der S&P 500 (ohne Dividenden) landet bei 127 Prozent kumuliert, was 5.5% p.a. entspricht. Unterstellt man eine Dividendenrendite von 2.4 Prozent und einen Quellensteuersatz von 30% so dürfen wir Pi mal Daumen 1.7% zu den 5.5% addieren und landen 0.5% über der DAX-Rendite und nahe bei den ominösen 7 Prozent p.a., die man in so vielen Publikationen als Langzeit-Aktienmarktrendite findet.

 

Die beiden MSCI World Indexvarianten waren bis 2017 hinter dem DAX zurück, erst 2018 brachte sie in die Vorderhand. Die Ursache dafür war ihre USA-Lastigkeit. Für die Gross Return-Variante spuckt das Programm plus 193 Prozent (7.4% p.a.) und für die Net Return-Variante plus 170 Prozent (6.9% p.a.) aus. Viel kostet der fiktive Quellensteuerabzug der Net Return Variante also nicht. Sämtliche Performance-Zahlen sind so eng beisammen, dass man schlussfolgern darf:

 

Weil amerikanische Unternehmen den MSCI World dominieren und DAX-Unternehmen global tätig sind, waren die Renditeunterschiede zum S&P 500 am Ende der "Momentaufnahme nach 15 Jahren" minimal. Würde man andere Zeiträume nutzen oder rollierende Perioden, könnte mal dieser und mal jener Index knapp vorn liegen.

 

Aus Renditegründen war es also nicht notwendig, in den MSCI World zu investieren. Nur weil er in irgendeiner Auswertung temporär vorn liegt oder amerikanische Technologie-Aktien gerade besonders en vogue und schwergewichtig sind, ergibt sich dafür keine Notwendigkeit.

 

Bleiben zwei Anschlussfragen: Was ist mit dem Risikogesichtspunkt, also der weltweiten Streuung, und wie wichtig war und ist der Kontext, nämlich die Globalisierung?


Schrotflinte oder Pfeil und Bogen

 

Wenn man in 500 (S&P500) oder 1600 (MSCI World) Aktien investiert, so verläuft die Performance-Kurve über die Zeit glatter und weniger volatil. Das ist Mathematik und kann ja ganz nervenschonend sein. Für manchen ist es vielleicht auch ein gutes Gefühl, Anteile der bekanntesten Unternehmen im Depot zu haben.

 

Ist es gleichbedeutend mit weniger Risiko, wenn man Indizes oder Blue Chips hält?

 

Da gehen die Meinungen auseinander. Ich würde eher den maximalen Verlust, der zwischen-zeitlich auszuhalten ist, als Kriterium heranziehen, als die Beschwichtigung, dass bei vielen Werten der Einzelfall wenig ausmacht.

 

Für die vier betrachteten Indizes sagt ein Blick in die Börsengeschichte bis 1900: Es gab Jahre mit -40 Prozent Verlust. Mit anderen Worten, es war Banane, ob DAX oder S&P500 oder MSCI World, -40 Prozent, so viel Schmerz musste man aushalten.

 

Liegt es am Herdenverhalten? Oder trifft die Schrotflinte im Indexportfolio häufiger und es gibt mehr Verletzte? Oder spielt das hohe Gewicht der Topwerte eine negative Rolle, wenn die Märkte abwärts trudeln? Vielleicht von allem etwas, die hohe positive Korrelation der Kurse an den internationalen Börsen ist jedenfalls ein Fakt.

 

Wer mit Pfeil und Bogen jagt, sprich Stockpicker ist, wird ja heute oft verlacht. Trotzdem sind es diese Investoren, die Risiko nicht einfach hinnehmen. Und so ernte ich oft ungläubiges Staunen, wenn ich berichte, dass mein Depot aus Einzelwerten in den vergangenen 20 Jahren auf Jahressicht nie mehr als 20 Prozent verloren hat.

 

Aber zurück zum MSCI World und der zweiten Frage: Wie wichtig ist der Kontext und könnte die aktuelle Nachrichtenlage Grund zur Sorge sein? Bisher handelten wir nach der Maxime, dass politische Börsen kurze Beine haben und unter der Annahme, dass die Globalisierung immer so weitergeht. Heute darf man zumindest an letzterem ernsthaft zweifeln.

 

Die aufgebrochenen Handelskonflikte, die Kündigung des INF-Vertrags, der bevorstehende Brexit, protektionistische Zölle und Gesetze: Das sind im Kern unangenehme Entwicklungen, die sowohl Privat- wie institutionelle Anleger am liebsten ignorieren würden.

 

Nur wenige Vordenker äußern sich kritisch und bringen Argumente, dass vielleicht doch gerade ein Paradigmenwechsel stattfindet. Läuft der Globalisierungsfilm bereits rückwärts, wie Felix Zulauf im Interview behauptet? Könnte sein.

 

Wenn dem so ist, würde sich der Kontext ändern und neue Risiken entstehen. Was bedeutet das für die Geldanlage und was rät man uns Anlegern? Was raten viele Untergangs-Propheten der globalen Überschuldungskrise? Sie ahnen es: International anlegen und diversifizieren! Nur jetzt soll man es wegen der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit tun. (Die zahlreichen Links zu Artikeln mit diesem Ratschlag allein seit Dezember 2018 spare ich mir.)

 

Also ist der Rat immer der Gleiche? Ist es so einfach? Egal ob der Welthandel zunimmt, stagniert oder torpediert wird. Egal ob gerade politisches Tauwetter herrscht oder Wolken aufziehen. Egal welchen Zeithorizont man hat. Egal ist egal, investiere in den MSCI World und eine Prise MSCI Emerging Marktets und der Rest wird sich finden. Amen. 

 

Aber warum sollte ich ausschließlich in die großen, international agierenden und hoch kapitalisierten Aktien investieren? Darf ich nicht mit inländischen, kleinen Werten zufrieden sein? Muss ich es tun, weil es bequem und genial einfach ist?

 

Letzteres ist an anderer Stelle auch kein guter Rat: Auf dem Sofa zu sitzen ist auch bequem, aber weder gesund noch langfristig sinnvoll. Und was als genial einfach beworben wird, ist meist zu schön um wahr zu sein. 

 

Vielleicht also doch der Mittelweg? Vielleicht sollte man mit dem Mantra WEMSON etwas vorsichtiger sein? WEMSON oder World und Emerging Markets SOnst Nix ist nämlich eine Aufforderung, auf dem Sofa sitzen zu bleiben und zu meditieren.

 

Meditation, das Innehalten, hat ja nachgewiesenermaßen eine Menge positive Wirkungen. Aber auch eine Gegenseite: Bewegung. Ohne sie ist Meditation irgendwie sinnlos.

 

Insofern: Denken Sie mal darüber nach, wo die Gegenseite zum Investieren in die großen Indizes liegen könnte, die unabhängig vom Wohl und Wehe der Globalisierung ist. Finden Sie den passenden Mittelweg für ihre finanzielle Gesundheit.

 

 

c) 2019 Covacoro

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Kommentare: 6
  • #1

    Gast (Sonntag, 17 Februar 2019 19:56)

    Eine Frage zur DAX-Performance: Hast Du den DAX auch um eine Steuerkomponente bereinigt? Als Performanceindex umfasst er ja die Dividenden, aber eben ohne Berücksichtigung eines Steuerabzugs. Um den Vergleich passend zu machen mit dem S&P musst Du beim DAX natürlich auch noch die Steuer abziehen.

  • #2

    Rene (Sonntag, 17 Februar 2019 22:00)

    Sehr gut analysiert, vor allen der Rendite-Vergleich ist gut. Denn darüber denkt kaum jemand nach, wenn in MSCI investiert wird.

  • #3

    Covacoro (Montag, 18 Februar 2019 19:08)

    @Gast: Richtig erkannt, der DAX ist ohne Steuerkomponente und inklusive Bruttodividenden. Es gibt zwar einen reinen Kursindex, aber DAX plus Dividende minus Abgeltungssteuer ab 2009 gibt es als Index nirgends und wäre sehr aufwendig zu Fuss zu berechnen.
    Als Vergleich zum DAX kann man den MSCI World Gross Return nutzen oder beim S&P500, wie im Text erwähnt, ca. 1.7% addieren. Die Dividendenrendite des S&P hatte ich für die vergangenen 15 Jahre mit 2.4% angenommen, dass ist vielleicht etwas üppig, siehe z.B. http://www.multpl.com/s-p-500-dividend-yield/ die 2% angeben, aber ich denke die 7.2% p.a. nach Quellensteuer ist eine gute Abschätzung. Andererseits kommt es sehr darauf an, ob die Dividenden instantan reinvestiert werden und wie die genaue Berechnung ist. Auf https://dqydj.com/sp-500-return-calculator/ ist ein Rechner für den S&P mit und ohne Dividenden (vor Steuern) und dort kann man den Zeitraum 1.01.04 bis 31.12.08 nachrechnen und kommt auf +2.2% p.a. inklusive Dividenden.

  • #4

    Dreigroschenblogger (Mittwoch, 20 Februar 2019 10:29)

    Ein sensationeller Beitrag und gleichzeitig ein Stich ins Wespennest. Vielen Dank dafür!

  • #5

    Prof (Freitag, 22 Februar 2019 12:58)

    - Der Schuss mit der Schrotflinte wäre mir auch viel zu langweilig, ein ETF auf den MSCI, S&P oder DAX kommt demzufolge nicht in Frage.
    - Deutschland scheint immer mehr zurückzufallen, was sich auch in den Aktien bermerkbar machen dürfte: Gegenwind für die Energie- und Automobilbranche. Hausgemachte Probleme bei den Banken und das Fehlen digitaler Treiber in ganz Europa dürften auf die Kurse drücken. Ich denke, (hauptsächlich charttechnisches) Stockpicking in den USA ist die beste Wahl.

  • #6

    Philipp (Montag, 04 März 2019 16:36)

    Interessante Einstellung und Ausführung. Als Depot sehe ich immer die Gesamtheit meines Geldes und ich bin der Meinung, dass ich mir immer im Klaren sein sollte, was jeder einzelne Euro gerade tut und was seine Aufgabe ist. Ich für meinen Teil habe doch auch die großen ETFs, aber auch andere Assets. Wenn man sich selber bewusst ist, was man warum tut und gut schlafen kann, ist das wichtiger als „Renditeverluste“. Seien wir ehrlich, vor dem Verkauf ist ALLES nur Buchwert. Zufriedenheit vor Unruhe ist da mein Motto. Danke für die andere Sichtweise, auch wenn ich nicht zu 100% dˋaccord bin.