FP: die SUV-Aktie #1

Heute möchte ich einen weiteren deutschen Nebenwert vorstellen: FP - Francotyp Postalia. Auch wenn der Titel meines Artikels die Abkürzung für ein zunehmend beliebtes automobiles Endprodukt aufnimmt (SUV oder Sport Utility Vehicle) geht es hier nicht um einen Automobil-Hersteller oder Zulieferer. Die Produkte des Unternehmens sind auch nicht so bekannt wie ein VW Tiguan oder Porsche Panamera. Nein, die Abkürzung ist etwas "um die Ecke gedacht".

 

Im ersten Artikel (Vorsicht: Überlänge) stelle ich das Unternehmen, die Produkte und Märkte vor. Im zweiten Artikel werde ich die letzte Woche gemeldeten Jahreszahlen 2015, die Neuigkeiten des Investorentages und die Aktie unter die Lupe nehmen. Last but not least löse ich das Rätsel auf: wofür steht die Abkürzung SUV?


DAS UNTERNEHMEN

 

Francotyp Postalia (FP) bezeichnet sich selbst als Anbieter der digitalen Poststelle und ist in zwei wesentlichen Geschäftsbereichen tätig: einerseits Herstellung, Vertrieb und Wartung von Maschinen zur Briefkommunikation (Schwerpunkt: Frankiermaschinen), andererseits Mail Services und Softwarelösungen. Der erste Geschäftsbereich (Hardware) ist bereits sehr stark internationalisiert: die Frankiermaschinen sind weltweit zu finden, wobei man vor allem kleine bis mittlere Unternehmen betreut. Die wichtigsten Märkte sind Deutschland, USA, Frankreich, UK, Italien und die Schweiz. Mit insgesamt rund 250.000 installierten Frankiermaschinen liegt der Marktanteil des Unternehmens bei etwa 10 bis 11%. Damit ist man weltweit der drittgrößte Anbieter. Der Geschäftsbereich Frankiermaschinen blickt auf eine mehr als 90-jährige Historie zurück, denn die Gründung von FP erfolgte bereits 1923.

 

Der zweite Geschäftsbereich (Mail Services & Software) wird durch die Tochtergesellschaften FP Freesort, FP IAB und FP Mentana-Claimsoft wahrgenommen, die vor allem in Deutschland agieren. Hier geht es um Serviceleistungen rund um die Briefkommunikation: elektronischer Briefversand, Postein- und -ausgang, Verschlüsselung, Archivierung und Signatur, aber auch die Abholung von Geschäftspost, Vorsortieren, Konsolidieren und Frankieren sowie Outsourcing von Briefdruck und Dienstleistungen rund um den Brief. Seit 2012 bietet FP ebenfalls eine De-Mail Lösung zum rechtssicheren Versand elektronischer Briefe an. 

 


DIE PRODUKTE

 

Der Markt für Frankiermaschinen wird im Wesentlichen von 4 Unternehmen beherrscht: Pitney-Bowes (PB, USA), Neopost (NP, Frankreich), Francotyp Postalia (FP, Deutschland) und Frama (FR, Schweiz). Da die Maschinen einer Zertifizierung durch die jeweiligen Postgesellschaften bedürfen und hohe Sicherheitsanforderungen gelten, sind die Einstiegshürden in den Markt sehr hoch. In Deutschland werden die Briefe seit 2004 mit der Lösung FRANKIT der Deutschen Post frankiert, ähnliche Lösungen existieren in anderen Ländern. Der aufgedruckte Matrixcode enthält alle wesentlichen Angaben zur Sendung: Produkt (Brief, Päckchen, etc.),  Format (z. B. Standard, Maxi), Versandart (z. B. Einschreiben, Nachnahme), Gewicht, Ziel (Inland oder Ausland), Frankierdatum, Hersteller, Modell, Seriennummer der Frankiermaschine, laufende Sendungsnummer, Portobetrag, Portovorrat, Gültigkeitsdauer Portovorrat und Cryptostring (Sicherheitscode). 

 

Das Porto wird über eine Modem- oder Internetverbindung aufgeladen, die Portotabellen für verschiedene Sendungsarten eingepflegt und aktuell gehalten. Auch die Konfiguration der Maschine erfolgt bei FP "remote", also über das Internet, spezifisch je nach Land, Postleitzahl-Bereich und Kunde. Frankiermaschinen gibt es in verschiedenen Größen und Leistungsklassen (Durchsatz bis zu 150 Sendungen pro Minute) und mit zusätzlichen Modulen wie Falzen, Kuvertieren, Wiegen, Verschließen. Das folgende Bild zeigt beispielhaft ein komplettes System. 

 

PostBase Frankiermaschine mit Zusatzmodulen, Quelle: FP Webseite
PostBase Frankiermaschine mit Zusatzmodulen, Quelle: FP Webseite

 

FP hat seit 2012 die neue PostBase-Plattform auf den Markt gebracht, die bereits mehrere Auszeichnungen erhalten hat. Sie zeichnet sich unter anderem durch ein farbiges Touch-Display aus, kann Briefe bis maximal 20mm Stärke bearbeiten und nutzt zum Brieftransport statt Rollen einen patentierten "Bürsten"-Antrieb, der besonders leise und wartungsarm ist. Für Unternehmen extrem wichtig sind auch die Möglichkeiten für Werbeaufdrucke, die Hinterlegung von Kostenstellen, ein Zugriffsschutz und die PC-Steuerungssoftware zum Porto- und Kosten-Management. In 2015 wurde die Plattform durch die PostBase Mini ergänzt, die für Freiberufler und kleinere Büros gedacht ist. Auf dem Investorentag 2016 wurden die PostBase100 und PostBase One vorgestellt, die das Lineup komplettieren und das Segment hoher Durchsatz und hohe Leistungsfähigkeit abdecken werden. 

 

Vorstellung der PostBase Mini, Quelle: FP via Youtube

 

Mit den drei erwähnten Tochtergesellschaften deckt FP Serviceleistungen rund um den Brief ab. Das ist zum einen Software, aber auch Consulting und andere Dienstleistungen. Besonders erwähnenswert aus der Vielzahl an Produkten sind meiner Meinung nach Freesort und De-Mail.

 

De-Mail wurde als rechtsverbindliche und sichere elektronische Lösung zur Ablösung des Einschreiben-Briefes und zur digitalen Kommunikation mit Behörden und Unternehmen konzipiert. Seit Marktstart 2012 konnte sich das System allerdings nicht in dem Umfang durchsetzen, wie erwartet worden war und für die De-Mail-Provider (Deutsche Telekom, United Internet, Mentana-Claimsoft als Tochter von FP) ist es bislang ein Zuschussgeschäft. Während skandinavische Länder Vorreiter bei sogenannten E-Government Diensten sind, verläuft die Adaptation in Deutschland schleppend. Mentana-Claimsoft zählt unter anderem die Deutsche Rentenversicherung und die Bundesanstalt für Arbeit zu ihren Kunden. Bei höherer Nutzung der De-Mail-Lösungen würde FP zukünftig einen transaktionszahlabhängigen Deckungsbeitrag erzielen und schwarze Zahlen erwirtschaften, wann das aber sein wird, kann derzeit niemand vorhersagen.

 

Freesort betreibt acht Sortierzentren in ganz Deutschland und bietet Abholung, Frankierung, Konsolidierung, Zustellung und Postfach-Service für Unternehmen an. Die Geschäftskunden profitieren über Porto-Rabatte (Menge und Teilleistungen wie Vorsortierung und sortenreine Konsolidierung). Freesort ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Gemeinsam mit der Tochter FP IAB bietet man auch sogenannte Hybridmail-Lösungen an. Wenn ein Kunde zum Beispiel den Postausgang digitalisiert und outsourct, werden die Briefe elektronisch an FP übermittelt und von Hochleistungsdruckern ausgedruckt, von entsprechenden Maschinen kuvertiert, frankiert und über Freesort eingeliefert bzw. zugestellt. Andere Kunden digitalisieren zunächst den Posteingang, das heißt jeder Brief wird eingescannt und elektronisch zugestellt und gegebenfalls auch archiviert. Daraus ergeben sich Kosten- und Geschwindigkeits-Vorteile, denn die hybride Zustellung ist oft schneller als die physische Variante, vor allem bei großen Unternehmen mit zahlreichen Filialen und Tochterunternehmen.

 


DIE MÄRKTE

 

Da FP auf dem Gebiet der Briefkommunikation tätig ist, sind wir in der glücklichen Lage, Daten zum Markt bei den einschlägigen Postunternehmen zu finden. Auch einige Statistikportale im Internet warten mit Diagrammen auf. Die wesentlichen Tendenzen sind: 

  • Privatpersonen haben den Brief bereits weitgehend durch kostenlose Lösungen, vor allem Emails und Ecards substitutiert.
  • Für Geschäftskunden ist der Brief noch immer ein wesentliches Kommunikationsmittel, egal ob Rechnung, Werbung oder Information. 
  • Durch das Wachstum des Online-Marktes verzeichnet das Paketgeschäft einen starken Aufschwung und die damit in Verbindung stehende Logistik. 
  • Es gibt länderspezifische Besonderheiten des Briefmarktes, seiner Nutzung und ob er noch wächst oder rückläufig ist. Die skandinavischen Länder haben sowohl die höchste Briefdichte pro Einwohner als auch die höchste Digitalisierungsquote und sind Vorreiter bei E-Government-Lösungen. Westeuropa ist bezüglich aller Kennzahlen im Mittelfeld. In Osteuropa und Schwellenländern ist das Briefvolumen derzeit noch Faktor 100 bis 1000 geringer je Einwohner als in entwickelten Märkten.

Beispielhaft zwei Grafiken von Statista. Man beachte, dass die 2013 von der Deutschen Post veröffentlichten Daten (oberes Diagramm) ein deutlich höheres Volumen zeigen (insgesamt ca. 17 Mrd. Sendungen), als zunächst vorhergesagt (unteres Diagramm, 12 Mrd. Sendungen). 

 

Infografik: Überwiegender Teil der Briefe ist Werbung | Statista
Statistik: Entwicklung der Briefmengen in Deutschland innerhalb des Zeitraum der Jahre 2000 bis 2014* (in Milliarden Briefe) | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

 

Man kann also festhalten: die zunehmende Digitalisierung treibt die Substitution des Briefes und führt seit langem zu einem rückläufigen Briefvolumen, andererseits scheint sich der Rückgang abzuschwächen auf niedrige einstellige Prozentzahlen (2 bis 4% jährlich findet man zum Beispiel in den Geschäftsberichten der Royal Mail Group). Vor diesem Hintergrund haben viele Postgesellschaften die Preise für Briefe deutlich erhöht. Durch innovative Konzepte des Briefversands ergeben sich außerdem abseits der klassischen Lösung weitere Chancen auf Wachstum (siehe dazu zum Beispiel die 5 Wege des Briefversands, Quelle: FP)

 

FP verkauft Frankiermaschinen in all jenen Märkten, wo ein signifikantes Volumen durch Unternehmen anfällt. Je nach Land werden die Maschinen verkauft, geleast oder vermietet. Typische Mietmärkte sind zum Beispiel die USA und UK, Deutschland ist eher ein Kauf- bzw. Leasingmarkt. Die Mietverträge haben eine Laufzeit von 3 bis 5 Jahren und beinhalten die Wartung und die Verbrauchsmaterialien (Unternehmensangaben vom Investorentag). Die Maschinen haben generell eine Lebensdauer von 15 bis 20 Jahren, können also mehrfach vermietet werden. Es kann aber auch vorkommen, dass eine Dezertifizierung durch eine Postgesellschaft veranlasst wird. So geschehen 2012 in den USA. Auf FP kamen damit hohe Investitionen zu, denn jeder bestehende Kunde sollte ja mit einer neuen PostBase ausgestattet werden um den Marktanteil und die wiederkehrenden Umsätze zu erhalten. FP ist das in den vergangenen 3 Jahren gelungen. Bis Ende 2015 wurden insgesamt 36000 Frankiermaschinen ausgeliefert und nach Unternehmensangaben damit kein Kunde verloren. 

 

 


DIE PERSONALIEN

 

Wie aus den vorherigen Absätzen deutlich wird, sind die Märkte von FP in Bewegung geraten und es galt Antworten darauf zu finden. Eine neue Ausrichtung und Strategie bedarf auch entsprechender personeller Änderungen, damit sie nach innen und außen glaubwürdig wird.

Bei FP ist seit Anfang 2013 Klaus Röhrig wesentlicher Aktionär (Anteil am Gesamtkapital ca. 10.3%) und er wurde sehr rasch zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates bestellt. Seitdem wurde der Vorstand des Unternehmens strategisch umgebaut, was sicher kein Zufall ist.

 

Mitte 2013 wurde zunächst Thomas Grethe CSO und damit zuständig für Sales, Marketing und Vertrieb. Aufgrund seiner Erfahrungen bei namhaften Unternehmen der Branche (Oki Systems, Konica Minolta, Ricoh, Utax GmbH/Kyocera) sollte er offensichtlich das Hardware-Geschäft ausbauen und vorantreiben. 

 

Anfang 2015 erweiterte man den Vorstand um eine dritte Stelle, den CIO Sven Meise. Damit sollten die Tochtergesellschaften stärker zum Umsatz des Konzern beitragen, De-Mail etabliert und ausgebaut werden. Auch dieser Vorstand bringt Erfahrungen aus der IT- und Dokumenten-Management-Branche mit (IBM, TA Triumph-Adler GmbH/Kyocera). Mail Services und Software sind Bereiche, in die Wettbewerber große Hoffnungen setzen und diese Wachstumschancen so auch dem Kapitalmarkt kommunizieren.

 

Apropos Kapitalmarkt: Als letzte Aktion des Vorstandsumbaus wurde Anfang 2016 ein neuer CEO und CFO berufen: Rüdiger Andreas Günther. Er gilt als kapitalmarktaffin und hat mit seiner Tätigkeit für die Claas KGaA (Finanzvorstand und CEO) sowie als CFO für Jenoptik bereits einige Erfolge vorzuweisen. Sein Wechsel zu FP veranlaßte zwei Finanzmedien zu titeln: "Francotyp Postalia hebt nach Chefwechsel ab" oder "Warum ein Ex-DAX-Vorstand einen kleinen Konzern wachküssen will".

 

Man hält also große Stücke auf ihn und erwartet, dass er den Unternehmenswert nachhaltig steigern kann. Dies wird allerdings nicht von heute auf morgen geschehen und nur dann, wenn die drei Vorstände und der Aufsichtsrat gut zusammenarbeiten.

 


ZWISCHENFAZIT

 

 

FP agiert einerseits in einem oligopolistischen Markt mit einem gewissen Burggraben: Frankier-und Kuvertiermaschinen. Andererseits hat man das Geschäft rund um den Brief ebenfalls im Blick. Das heißt Softwarelösungen und Logistik bzw. Distribution. Wie steht das Unternehmen wirtschatftlich da? Wie sind die Wettbewerber aufgestellt und warum habe ich der Aktie das Label "SUV" verpasst? All das folgt im zweiten Teil und natürlich bin ich gespannt auf eure Fragen, Meinungen und Kommentare.

 

Covacoro


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Kommentare: 2
  • #1

    ebdem (Freitag, 22 April 2016 01:18)

    Danke für die gute Vorstellung! Über die Konkurrenz von Neopost reden wir hier schon fleißig: www.wertpapier-forum.de/topic/47588-neopost/

  • #2

    Covacoro (Freitag, 22 April 2016 18:52)

    Danke für den Link, werde ich am Wochenende mal lesen.