Rückspiegel 08/17

Ist es Zeit dem Markt den Rücken zu kehren? (Bild: Kirchentür, Quelle: pixabay.com)

Der letzte Rückspiegel-Artikel im Juni handelte von Gewitterwolken am Horizont, die in den Wirtschaftsdaten sichtbar wurden:

 

Bremsspuren bei den Verkäufen von PKWs, LKWs und im Einzelhandel in den USA sowie ein rückläufiger Kreditimpuls in USA und China.

 

Das US-Verbrauchervertrauen (University of Michigan) auf das man in diesem Zusammenhang achten sollte, ist im Juli dann leicht auf 93,4 Punkte zurückgegangen, nachdem es im Juni noch bei 95,1 Punkten lag. Morgen werden die vorläufigen Zahlen für August veröffentlicht: Droht ein erneuter Rückgang, wenn auch von einem hohem Niveau, was die Tendenz bekräftigt? Ist es vielleicht Zeit, defensiver zu werden? Was sagen andere Kommentatoren zur aktuellen Situation?

 


Howard Marks mit einer Warnung

Unbedingt lesenswert sind die Memos von Howard Marks von Oaktree Capital.

Seine Analyse ist wie immer ausführlich und listet zahlreiche Warnzeichen auf, weshalb er vorsichtiger wird:

  • Die vorhandenen Unsicherheiten sind ungewöhnlich bezüglich Anzahl, Größenordnung und Unlösbarkeit.
  • Die Renditeerwartungen sind in den meisten Assetklassen so niedrig wie lange nicht. (Was sich ergibt aus der hohen Bewertung.)
  • Die Preise der Assets sind hoch "across the board".
  • Ein Pro-Risiko-Verhalten ist üblich.

In seinem Memo, das den Titel "There they go again... again" trägt, diskutiert er auf immerhin 20 Seiten unter anderem, welche Kennzeichen ein Bullenmarkt hat, wie es um US Aktien, die Volatilität, die Tech-Superstocks (FAANG), ETFs, Kredite und Private Equity bestellt ist. Was er immer wieder hört, ist der Satz, dass sich niemand vorstellen kann, was diesen Bullenmarkt beenden könnte:

 

"We agree things can’t go well forever – we agree the cycle is extended, prices are elevated and uncertainty is high – but we don’t see anything that’s likely to bring the bull market to a close anytime soon."

 

Eine gewisse Sorglosigkeit ist also da und gleichzeitig auch die Bereitschaft, risiko-behaftete Assets zu kaufen, um überhaupt noch Rendite zu erzielen (Beispiele: Anleihen in Emerging Markets, Verbriefungen für Autokredite, Seed-Investments in gehebelte Tech-Investmentfunds, Cryptowährungen).

 

Howard Marks betont, dass sein Memo zwar Indizien auflisten kann, aber keine Vorhersage ist, wann der Wendepunkt eintritt. Man kann nur wachsam und vorsichtig sein. Stellt sich im Anschluss die Frage, wie es denn in Europa aussieht?

 


Magnus Pirovino sieht Europa positiv

Dazu neue Gedanken zu finden, ist gar nicht so einfach. Die EZB zum Beispiel wiederholt ihr Mantra zum Euro und der wirtschaftlichen Situation unverändert, die Politik hat anscheinend keine neuen Ideen, Antworten oder Pläne. Ist daher die gute Entwicklung an den Börsen im ersten Halbjahr 2017 nur ein Aufbäumen vor dem Absturz, fragt sich Magnus Pirovino und formuliert in einem Memo drei Thesen, die ich interessant finde:

 

These 1: Die westlichen Gesellschaften verlangen nach mehrheitsfähigen Alternativen zu den reinen linken oder rechten Positionen.

These 2: Das politische Dilemma von Links und Rechts ist im Grunde ein ökonomisch-soziales Dilemma zwischen Produktion und Verteilung.

These 3: Das Positive am langen Zyklus ist, dass wir versuchen können aus der Geschichte zu lernen um daraus Prognosen für die Zukunft abzuleiten.

 

Er sieht Europa auf gutem Wege, weil sich erstaunliche Parallelen zwischen der EU heute und dem Europa der Nachkriegszeit zeigen. Sein Memo ist lesenswert, weil es den allgegenwärtigen, verhärteten Positionen und der verbreiteten Schwarzmalerei eine Vision für einen Ausweg entgegensetzt. Wir befinden uns an einem Übergang, welche Strategie und Politik sich am Ende durchsetzen wird, kann man noch nicht sagen.

 

Aber es gibt Chancen: auf soziale Innovation, eine Begrenzung der Inflation sowie gesundes Wachstum. Die Frühindikatoren sehen gerade für Europa momentan positiv aus. Daher von mir eine klare Leseempfehlung für diesen dreiseitigen Artikel.

 

Und da war ja noch etwas Anderes: der Dieselskandal und die Kartellvorwürfe an die Autoindustrie bestimmten weiter die Negativ-Berichterstattung. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die großen Autokonzerne nichts dazugelernt haben und das Thema Elektromobilität und Umweltschutz nicht ernstgenommen wird.

 

Aber es tut sich doch etwas: Sei es Volvo mit der Ankündigung ab 2019 nur noch auf den Elektromotor zu setzen oder BMW mit der Meldung zur IAA 2017 ein 3er Modell mit 400km Reichweite als Antwort auf das Tesla Model 3 vorzustellen.

 

Wird die Elektromobilität aber bald einen nennenswerten Marktanteil besitzen? Werden die besten Autos bald außerhalb Europas und Deutschlands gebaut? Und was wird mit den zahlreichen Autozulieferern, die Komponenten für Verbrennungsmotoren herstellen? Dieser Frage nachgegangen ist im Rahmen einer Reportage Andreas Molitor und brandeins: Mit dem Strom lautet der Titel des Beitrags und ganz generell die Devise.

 

Es könnten einmal mehr die kleineren Konzerne und sogenannte mittelständische Unternehmen sein, die dafür sorgen, dass wir auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben. Warum nur schauen die meisten Anleger auf die Aktien der großen Automobil-Hersteller, die lediglich das Endprodukt komplettieren? Dabei gibt es so viele spannende, kleine, weitsichtige Unternehmen und Aktien. Oder investieren diese Anleger am Ende gar nicht aus rationalen Gründen in diese Blue Chips?

 


Spannung oder Langeweile

Karl-Heinz Thielmann vom Blicklog hat bereits im Juli einen Artikel geschrieben, der sich damit beschäftigt, dass Aktien-Investments neben ihrem finanziellen Nutzen eben auch einen Unterhaltungs- und Prestigewert besitzen, selbst wenn sich dies viele Anleger nicht eingestehen wollen.

 

Die intellektuelle Herausforderung, manchmal auch Spieltrieb oder die Suche nach Selbstbestätigung sind starke Beweggründe, gerade in zyklische aber mindestens in jedermann bekannte Aktien zu investieren, statt in die langweiligen, ertragsstabilen Titel. (Diese Kategorie gibt es tatsächlich, möchte man all denjenigen zurufen, die meinen, weil einige Blue Chips das nicht schaffen, gibt es solche Werte gar nicht.)

 

Und zu zyklischen Aktien gibt es natürlich auch mehr Berichte, News und Meinungen. Wenn ein Kauf hauptsächlich dadurch motiviert ist, dass es eine gute Story gibt und ganz unterhaltsam zu werden verspricht, stolpert man aber um so leichter über die zahlreichen psychologischen Fallstricke. Denn Meinungen und Erwartungen schwanken im Zeitverlauf meist stärker als Dividenden, Gewinne oder Umsätze. Kurstreibend sind dann aber oftmals erstere und da im Kurs keine Sicherheitsmarge für die kleinste Enttäuschung bleibt, sind starke Kursauschläge keine Seltenheit. Also warum dann nicht einfach die langweiligen Ertragsperlen kaufen? Der erzielte Gewinn mit einer Tesla-Aktie ist nur an einem Ort mehr wert als der mit einem relativ unbekanntem Wert: am Stammtisch.

 

Wer sich für das Gegenteil interessiert, zum Beispiel die Investition in Value- und Low Volatility-Aktien, könnte sich mit hier bereits vorgestellten Büchern beschäftigen. Ein Fehler kann es ja eigentlich nicht sein, mal über den eigenen Horizont zu blicken und etwas Neues auszuprobieren. Empfehlen möchte ich: High returns from low risk oder Das Geheimnis erfolgreicher Anleger.

 

„Wenn Investieren unterhaltsam ist, wenn man Spaß hat,

dann verdient man sehr wahrscheinlich kein Geld.

Gutes Investieren ist langweilig.“

 

George Soros

 

(c) 2017 Covacoro


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Kommentare: 1
  • #1

    Covacoro (Freitag, 18 August 2017 19:28)

    Kein Rückgang, sondern einen Anstieg auf 97.6 Punkten zeigen die vorläufigen Daten:
    Siehe http://www.sca.isr.umich.edu/ bzw. https://www.cnbc.com/2017/08/18/august-us-consumer-sentiment.html !